Nahmed hörte kaum zu und erinnerte sich stattdessen an eine fast vergessene Sitzung bei Ulrike. Unendlich weit weg schien diese Sitzung, wie durch einen Schleier hindurch hörte er ihre Frage als wäre sie hinter einer wand, nur leise und dumpf:
„Bist Du glücklich?“ fragte Sie.
Er blickte auf den Boden und nach einem kurzen Schweigen schaute er auf und Blickte ihr in die Augen.
„Dazu möchte ich Dir gerne eine Geschichte erzählen, wenn Du möchtest.“
Verwirrt antwortete Sie das sie das gerne täte.
„Es war einmal ein Junge, geboren in Unschuld wie alle Menschen. Er wuchs auf wie Jungen aufwachsen. Doch eines Tages sah er vor sich die Wege die er ging und die er gehen kann. Und weil ihm der Weg gut vorkam entschied er sich dafür zum Reiter zu werden, der einsam seinen Weg verfolgt, unabhängig und stark und rücksichtslos.
Und er ging diesen Weg bis er eines Tages an eine Gabelung kam. Weil er nicht wusste welchen Weg er nehmen sollte schaute er zurück und sah die bleichen Knochen der Menschen die er zurückgelassen hatte, ermordet von seinem Hochmut und seiner Arroganz und er sah den Schmerz den er Verursacht hatte und salzige Tränen rannten über seine Wangen.
Da nahm er den Weg des Clowns, der Immer im Rampenlicht steht und versucht die Menschen zum Lachen zu bringen und eine Maske trug unter der man die Tränen nicht sah und nicht wer er wirklich war, denn er wollte nicht erkannt werden für das was er getan hat.
Und er ging diesen Weg bis er eines Tages an eine Gabelung kam. Wieder wusste er nicht welchen Weg er nehmen sollte und so schaute er zurück und sah das der Schmerz nicht von ihm gegangen war und das niemand ihn erkannte und niemand für ihn lachte und er sank auf die Knie und weinte bitterlich.
Dann nahm er die Maske ab und ging den Weg des Aussenseiters, der nirgendwo dazugehört, auf der Suche etwsa von dem er weiß das er es niemals bekommen kann und niemals erfahren und so den Schmerz vergessen weil er kein Glück mehr spüren kann.
Und er ging diesen Weg bis er eines Tages an eine Gabelung kam. Ein weiteres Mal wusste er nicht, welchen Weg er gehen sollte und schaute zurück und erkannte das der Schmerz ihn nie verlassen hatte und ihn niemand erkannte und niemand für ihn lachte und die Leere die sein Leben nun war und der Weg den er ging verwandelte sich in Asche und vermischte sich mit seinen Tränen und der bittere Geschmack war alles was ihm blieb.
Und weil er der Bitterkeit überdrüssig war und diese nie wieder schmecken wollte, ging er den weg des Lustmolchs, der nahm was er bekam und niemals bereuend den Tag genoss.
Und er ging diesen Weg bis er eines Tages an eine weitere Gabelung kam. In der Hoffnung diesmal den richtigen Weg gegangen zu sein drehte er sich um und erkannte die Freude nie lange währte und der Schmerz immer überwog und er nichts hatte, nicht mal sich selbst. Lange zeit saß er da, nicht fähig zu gehen und sich für einen Weg zu entscheiden mit all der Leere und Tränen und Asche und nichts ausser dem Weg.
Doch plötzlich öffneten sich seine Augen und die Tränen flossen in die Leere und füllten sie mit der Asche und sah den Weg klar vor sich, zu geben was er geben kann, nicht sich sondern jedem anderen, zu lieben mit aller Kraft für alle und immer. Und er spürte das es richtig war und gut und ging diesen Weg und den Schmerz den er dabei von anderen nahm hiess er wilkommen und es liess ihn den eigenen Schmerz vergessen. Er hatte das Glück gefunden so unverhofft nicht in sich selbst sondern im Glück der anderen und alles war gut.
Und er ging diesen Weg weil er glaubte das dies der letzte war und er nie wieder einen anderen gehen würde und es kam eines Tages das er am Ende des Weges auf eine Gabelung traf. Und er sah die Wege die er gehen konnte und sah den Schmerz der auf ihnen lag und der Schmerz den er von anderen nahm lastete schwer auf seinen Schultern, so schwer das er ihn niederdrückte und sein Rücken zu brechen drohte. Doch alles was er von den Wegen vor sich erkannte war zehnmal der Schmerz den er bereits geschultert hatte und er wusste das er ihn nicht ertragen würde.
Und er sah keinen Sinn und er sah keinen Ausweg und der Weg der er ging verschwand, nur das Stück an dem er stand blieb. Bar jeder Hoffnung am Ende der Kraft blieb er alleine mit all seinem Schmerz zurück.“
„Ich verstehe nicht ganz was du mir damit sagen willst...“ fragte sie zaghaft.
„Auf jedem dieser Wege gab sich der Mann ein versprechen und auf jedem dieser Wege brach er es. Er wollte nur Glück und alles was ihm blieb war der Schmerz den er gegeben hatte und der Schmerz den er empfangen hatte. Nur das Leid war ihm geblieben und alles was er sah war das jeder Weg noch mehr Schmerzen bereithielt. Was also frage ich Dich soll er tun? Wie sich entscheiden?“
„Warum erzählst du mir das eigentlich?“
„Weil ich träumte das ich es getan hätte.“
„Tust Du immer was du Träumst?“
„Nein, nur wenn ich es für richtig halte.“
Das Schweigen zwischen den Beiden zog sich in die Länge und seine Fragen hingen immer noch unbeantwortet in der Luft.
„Glaubst Du, Du bist so wie in deiner Geschichte? Du hast immer nur eine Rolle gespielt?“
„Jeder Mensch spielt immer nur eine Rolle. Und ausserdem ist es einfach nur eine Geschichte.“
„Soso, eine Geschichte. Und die hat nicht zufällig was mit uns zu tun?“
„Jede Entscheidung ist schmerzhaft. Und jedesmal geht etwas kaputt, tief in dir. Denn jedesmal muss du einsehen, das du deinen Idealen nicht folgen kannst, das du ein Stück von dir selbst aufgeben musst und das du einen Preis zahlen wolltest, auch für das was du nie wolltest. Und alles was du mitnimmst ist der Schmerz der aus den Entscheidungen die du triffst entsteht.
Glück ist eine Illusion, aber der Schmerz ist real und er verlässt dich nie. Nur kurz kannst du ihm entfliehen und dann kommt er wieder, stärker als zuvor. Irgendwann kannst du den Schmerz nicht mehr aushalten, irgendwann bist du kaputt und dann ist nichts mehr da dem du folgen kannst, weil alle deine Ideal verbrannt sind und es ist nichts mehr da um das du Trauern kannst und alle Tränen sind versiegt.
Der Einsame wünscht sich die Zweisamkeit, der Clown will auch nur lachen. Doch unsere Träume zerbrechen in unseren Händen und lassen uns kalt und leer zurück.“
„Ja wohl nicht alle Träume. Manche gehen schon in Erfüllung.“
„Aber nie für lange. Und der Preis den du für die geplatzten Träume bezahlst ist hoch. Ist es dann nicht besser nicht zu Träumen?“
„Erst durch den Schmerz kannst du das Gute auch erkennen. Ohne Licht gibt es keine Dunkelheit. Ohne Gut kein Böse. Der Schmerz wird immer sein, denn er zeigt dir das Glück das du sonst nicht erkennen könntest.“
„Nach jedem Regen scheint wieder die Sonne?“
„So ungefähr. Das ist doch alles kein Grund gleich aufzugeben!“
„Ich weiss aber nicht ob ich noch mehr Schmerzen ertrage – gleich welchen Weg ich gehe. Es gibt einfach nie etwas das den Schmerz aufwiegt. Alle Hoffnung vergebens, alle Träume auf Sand gebaut. Nichts ist von Wert und nichts von Bestand.“
In dem Moment klingelte die kleine Glocke die das Ende der Sitzung anzeigte und Nahmed stand wortlos auf und ging, nur mit einem Kopfnicken in ihre Richtung. Ulrike saß noch lange auf ihrem Stuhl und blickte auf die Kritzeleien die sie in ihren Notizblock geschrieben hatte. Das die nächste Sitzung schon angefangen haben sollte erschien ihr auf einmal nicht mehr wichtig...

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