Gefährliche Freundschaften

Ein einzelner Sonnenstrahl stahl sich vorsichtig in das Zimmer. Er kämpfte sich durch die Jalousie, an der öligen Schicht, die diese seit Jahren bedeckte, vorbei und erkundete das Zimmer. Es war noch früh und der Strahl tastete sich herum, bis er an einem Bettzipfel verharrte. Die Haare die aus diesem herauswuchsen waren hochinteressant. An den Haaren war sogar eine Nase dran. Welche geräuschvoll schnarchte. Je länger dieser neugierige Sonnenstrahl an dieser Nase verharrte, umso unruhiger wurde das Schnarchen, bis es schließlich ganz aufhörte, und von einem geradezu unheimlichen Gewimmer abgelöst wurde...

Der erste Moment beim Aufwachen ist immer der schönste. In diesem Moment, wenn noch alle Sinne schlafen, ist alles gut. Man fühlt sich gut. Alles ist in Ordnung. Friedlich. Rein. Im Gleichgewicht. Für eine Sekunde oder so sind die Gedanken klar. Und dann... Dann -... dann kommt der Schmerz. Er fängt hinter den Augen an und ergreift nach und nach vom Kopf Besitz, von den Armen, den Beinen und schließlich vom ganzen Rest. Das Licht des Tages brennt sich wie ein Laserstrahl ins Gehirn. Wie eine Splittergranate explodiert er hinter der Stirn. Aber im Gegensatz zu einer Granate hört er dann nicht am Höhepunkt auf und löscht alles aus, sondern bleibt genau auf diesem Niveau. Danach kommt meist die Übelkeit. Nicht drängend und präsent, sondern leise und heimlich. Geradezu als wollte sie sagen 'ich könnte wenn ich wollte. Noch habe ich Mitleid und außerdem einen Deal mit dem Schmerz, aber wehe...' Und dann weißt du, dass du dich besser nicht bewegst. Und wenn, dann nur sehr langsam. Als letztes kommen die anderen Sinne und bringen Post von draußen. Und da ist selten Gutes dabei. Die Nase wurde ja schon viel früher als der Rest geweckt und konnte daher als Erste ihre Botschaft loswerden. Der säuerliche Geruch schaffte es sogar, kurzfristig die Kopfschmerzen in die zweite Reihe zu verbannen. Als die - nur halb geöffneten - Augen die Ursache für den Geruch berichteten, kam der Schmerz mit doppelter Intensität wieder und die Übelkeit wetteiferte mit diesem um das Siegertreppchen. Für einen Moment des Glücks fielen alle Sinne wegen Überlastung aus, und die Welt wurde wieder rein und klar. Viel zu kurze Zeit später waren alle Sinne wieder bereit, und da sie aus Ihrem Fehler gelernt hatten, wechselten sie sich nun ab. So wurde der unerträglich hämmernde Kopfschmerz von einer Übelkeit abgelöst, die Selbstmord als schillernden Ausweg zeigte. Der säuerliche Geruch war nichts anderes als Erbrochenes in seinem Bett. Würfelhusten, fein säuberlich auf der Decke verteilt. Und nicht nur da. Anscheinend hatte er vor der Bettdecke sich auf den Pullover gekotzt, welcher neben dem Bett lag.

'Gestern war ich ja wieder gut in Form.'

Der erste konsistente Gedanke. Ein Jubelschrei den er diesem Gedanken zurufen wollte, ging völlig in der nun wieder gemeinschaftlichen Anstrengung von Schmerz und Übelkeit unter. Eine Ewigkeit später schaffte er es zu seiner eigenen Überraschung unfallfrei ins Badezimmer. Dort versuchte er, den nicht vorhandenen Mageninhalt loszuwerden, nur um festzustellen, dass sein Magen alles Unerwünschte wohl schon der Bettdecke, dem Pullover und wahrscheinlich einem bisher unbekannten weiteren Anteil der Wohnung geschenkt hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit unter der heißen Dusche war seine Haut krebsrot und schrumpelig, der Kopfschmerz war bis auf ein leichtes Pochen verschwunden und die Übelkeit war bei langsamen Bewegungen erträglich. Ein Blick in den Kühlschrank fällte die Entscheidung für ein großes Pariser Frühstück. Schwarzer Nescafe mit seinen letzten drei Zigaretten. Keiner der vier Gänge vertrieb das restliche Unwohlsein aber jetzt konnte er sich einreden, er kenne den Grund. Er begann mit ein paar einfachen Übungen um zu prüfen, ob sein Gehirn noch arbeitete.

'Wo bin ich? - Wohnung.'

'Wessen Wohnung? - Gute Frage. Sieht vertraut aus, habe das Bad gleich gefunden, wahrscheinlich meine.'

'Alter? - Kenn' ich nicht. Meine Mutter schwört, ich wäre eine jungfräuliche Empfängnis. Andererseits schwört sie auch auf die guten Kräuter im Klosterfrau Melissengeist.'

'Name? - Kommt drauf an, wen man fragt. In letzter Zeit meistens 'Verpiss Dich, Du Penner!'. Meine Kunden nennen mich Jo Müller, wie meine Freunde mich nennen, weiß ich nicht, weil ich nicht mal mehr weiß, wer das ist... Obwohl, mein Wirt hier um die Ecke nennt mich Jo der Schnorrer, also kommt das wohl den Freunden am nächsten.'

Den Rest des Frage-Antwort-Spiels schenkte er sich, weil er die Antworten gar nicht hören wollte, dafür arbeitete er am letzten Gang seines opulenten Frühstücks. Noch während der Rauch des letzten Zuges an die Decke seines Ein-Zimmer-Schlaf-Wohn-Büro-Klos stieg, wurde der Versuch den vorangegangenen Abend zu rekonstruieren durch wildes Sturmklingeln unterbrochen.

Die Klingel schnitt wie eine Kreissäge durch sein Gehirn, die panische Drehung seines Kopfes beim ersten Klang ließ seinen Magen eine Notentleerung versuchen, welche er jedoch tapfer niederkämpfen konnte. Dabei versuchte er sich nicht weiter zu bewegen, und auch den Terroranschlag der Türklingel auf seine zugegebenermaßen schwindende geistige Gesundheit zu ignorieren. Aber der unbekannte Klingler hörte nicht auf. Also schleppte er sich mühsam zur Tür und riss sie ohne durch den Spion zu schauen auf, mit einem heiseren

„Was...?“

Die Faust traf ihn ohne Vorwarnung in den Magen, so dass er noch auf der Türschwelle sich auf die Füße kotzte – was ihn verwunderte, da er ja glaubte, gar nichts mehr im Magen zu haben, aber das grünlich gelbe war wohl dann Galle. Während er das tat, wurde er aber bereits am Kragen seines T-Shirts in die Wohnung gezerrt und an die Wand geschleudert.

Er konnte sich kaum bewegen, die Schmerzen waren unglaublich. Sein Magen, dort wo ihn der Schwinger getroffen hatte, war nicht mal das Schlimmste. Aber die Übelkeit war beleidigt, dass man sie nicht ernst nahm und arbeitete daran, alles zu geben – in dem Fall eine Tasse Kaffee mit soviel Galle wie man wollte. Er konnte den Kopf nicht heben, so dass er nur die beiden Paar Schuhe sehen konnte, die vor ihm standen. Ein Paar Springerstiefel. Schwarz. Schon länger nicht mehr geputzt. An den Sohlen klebte Schlamm, obwohl es seit zwei Wochen nicht geregnet hatte. Das andere Paar Schuhe so sauber, dass es aussah wie neu. Die leichten Kratzer an der Schuhspitze deuteten darauf hin, dass die Schuhe schon einige Wochen alt waren, wenn auch sorgfältig gepflegt. So sorgfältig gepflegte Schuhe bekommt man nur unter zwei Umständen. Entweder handelte es sich um einen Ordnungsfanatiker mit Putzfimmel oder jemand anders kümmert sich darum. Ordnungsfanatiker klingelten selten bei ihm Sturm um ihn zu verprügeln.

Die beiden Paar Schuhe standen weiter vor ihm, als er versuchte, sich zu sammeln. Dann beugte sich das neue Paar Schuhe herunter. Daran hing ein freundlicher älterer Herr. Zumindest sah er so aus. Leicht angegraute Schläfen, Schnauzbart, dezent gebräunt wie aus dem Sonnenstudio. Er schaute so, als täte ihm alles schrecklich leid was hier passiert.

„Entschuldige mein Freund. Mein Partner hier ist leider manchmal etwas direkt. Er wollte nur sicher sein, dass Du uns zuhörst.“

Dabei schaute er den am Boden liegenden Jo an, als ob sein Kumpel nur zweimal sanft geklingelt hätte, anstatt ihm den Bauchnabel durch die Wirbelsäule zu drücken.

„Ich bin ganz Ohr...“

„Du hast etwas, was uns gehört. Noch ist das ganz okay, dass Du es hast. Weil wir es im Moment noch gar nicht wieder haben wollen. Aber ich bin hier, weil ich gehört habe, dass Du es eventuell nicht mehr hast. Und ich bin hier um sicherzustellen, dass Du es hast, wenn wir es wieder wollen.“

„Ich... was... wann...“

Der ältere Herr seufzte ergeben, so als hätte er es mit einer besonders widerspenstigen Blüte bei seinem Ikebana zu tun. Er blickte kurz nach oben zu den Springerstiefeln, die im selben Augenblick mit großer Kraft gegen die Nieren des am Boden liegenden Jo krachten. Diesmal verhielt sich die Übelkeit nicht nur still, sie machte auch gleich das Licht aus und die Tür hinter sich zu. Wie lange er in diesem wattig-wohlig-weichen Zustand des Limbos blieb, konnte er nicht sagen, aber kaum machte er die Augen auf, wünschte er sich mit aller Macht zurück. Der ältere Herr kniete immer noch vor ihm – allzu lang kann es also nicht gewesen sein, ältere Herren haben doch meistens Probleme mit den Knien und können gar nicht so lange knien, oder?

„Nur weil ich weiß, es ist früh und Dein Frühstück war nicht reichhaltig“, dabei ließ er seinen Blick über die bräunlich-grüne Lache im Flur streifen, „werde ich Dir noch einen Tipp geben. Morgen Abend, 2200 werden wir es wieder haben wollen. Das solltest Du nicht vergessen.“

Mit diesen Worten stand der ältere Herr auf, drehte sich um und ging zur Wohnungstür hinaus. Die Springerstiefel gingen ihm nach, wobei sie sich an der Tür umdrehten und einen überaus hässlichen Affen im Anzug zeigten, der Jo angrinste als freute er sich auf das nächste Treffen. Was er wahrscheinlich tat. Es gab einfach zu viele Leute die Spaß daran hatten, Dinge kaputt zu machen, vor allem wenn diese Dinge wesentlicher Bestandteil anderer Personen waren. Jo versuchte zurück zu grinsen. Was wohl nicht so gut funktionierte und der Affe anscheinend überlegen musste, ob er nicht doch nochmal reinkommt, um sich ein oder zwei Zähne als Andenken mitzunehmen. Dann aber drehte er sich um und zog die Wohnungstür überraschend sanft ins Schloss.

Im Bad beschloss Jo nach einem kurzen Blick in den Spiegel, dass ihm eine Dusche gut täte. Er sah aus als hätte er in den Klamotten die Alpen überquert. Gerade als er aus der Dusche kam, hörte er die Türklingel. Rasch warf er sich ein Handtuch um und ging zur Tür. Noch beim Öffnen fragte er sich, ob das eine gute Idee war, damit hatte er heute ja schon mal Pech gehabt. Die Faust die ihm direkt in das Gesicht flog und mit einem deutlich hörbaren Knirschen die Nase brach, bestätigte seine Vermutung. Auf den Knien in einer kleinen roten Welt die nur aus Schmerz bestand, versuchte er Luft zu bekommen, dann drang eine Stimme, eigentlich nur ein Flüstern, ihm direkt ins rechte Ohr.

„Das, mein Lieber, war nur eine kleine Kostprobe von dem was dich erwartest wenn Du nicht morgen Abend die Kohle beibringst. Wir warten nicht länger. Angenehmen Tag noch.“

Unfähig aufzublicken hörte er die Tür ins Schloss schnappen. Der wollte also Geld. Oder „wir“. Also mehrere. Oder jemand der sich im Pluralis Majestatis anredete. Nicht das Jo Geld hatte, das hatte er fast nie, er wäre aber auch nicht so doof sich von jemanden welches zu leihen. Zumindest nicht von jemanden der Schläger losschickt dieses einzutreiben. Glaubte er zumindest. Andererseits konnte er sich an gestern nicht wirklich klar erinnern. Da hatte er ja anscheinend Geld oder zumindest hatte ihn jemand zu einigen Getränken eingeladen. Und wenn das gestern passiert wäre, dann wären die ja wohl auch nicht heute schon wegen seiner Schulden da. Es wurde immer mysteriöser. Es roch für ihn nach einem Fall. Gut im Moment roch es nach gar nichts, außer nach Blut und Kotze, aber das war ein Anfang. Wenn jetzt noch jemand käme und ihn bezahlen würde, dann könnte er sich einreden das er nur ein kleines Opfer hätte bringen müssen. Das Klopfen an der Tür klang irgendwie zaghaft. Und jetzt war es eh egal, also machte Jo die Tür auf, ohne ganz aufzustehen, er wusste ja gar nicht ob er das schon wieder konnte.

„DHL ich habe ein Paket für Sie.“

Die Blondine, die offensichtlich seine neue Paketzustellerin war, schaute ihn völlig entsetzt an, wie er da auf dem Boden kniete mit dem vielen Blut im Gesicht.

„Oh mein Gott, geht es Ihnen gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“

„Main, Main, gohn ogee, iih hap nua Nasenbluden.“

„Ja, das kenne ich. Ganz so schlimm hatte ich es noch nicht, aber das geht ja schnell vorbei. Ich stell dann das Paket mal ab, wenn Sie hier bitte unterschreiben würden... Ihr Name?“

Also rappelte Jo sich auf und nahm den Handheld der Dame und kritzelte etwas auf das Feld. Dabei vergaß er, dass er nur ein Handtuch um hatte, das prompt zu Boden viel. Die mittlerweile knallrote Blondine blickte ihm jedenfalls nicht mehr auf die blutende Nase als Sie fragte:

„Ihr Name?“

Jo wurde das jetzt zu bunt, er deutete auf die Türklingel und zog die Tür hinter sich zu. Zum zweiten Mal in kurzer Zeit begab er sich ins Badezimmer um zu duschen. Danach suchte er im Schlafzimmerschrank nach etwas Sauberem zum Anziehen. Lange brauchte er nicht dazu, die Auswahl war recht eingeschränkt. Das Bettzeug zog er ab, überlegte kurz, ob er die Decke und den ganzen vollgekotzten Rest einfach wegwerfen sollte, überlegte sich dann aber, dass er dann nichts mehr hätte zum zudecken und beschloss alles in die Waschmaschine zu geben und den 90°C Waschgang entscheiden zu lassen, was davon weg sollte.

Dann machte er das Paket im Flur auf und schaute hinein. Dann machte er es wieder zu. Starrte etwas auf die Wand. Kniff sich in die Nasenspitze. Was ein Fehler war, die war ja immer noch gebrochen. Nachdem der Schmerz wieder erträglich war, öffnete er das Paket wieder und schaute hinein. Es war randvoll mit Geldnoten. Er nahm das Geld heraus und stellte fest, das es nicht randvoll war, aber zumindest eine große Menge Geldscheine im Bündel enthielt, 50er, 100er, sogar ein paar 500er. Darunter lag eine Aktenmappe. Als er die Mappe herausnahm fand er darunter noch eine Pistole mit 5 Magazinen. Eine 9 mm Automatik. Er nahm die Sachen erst mal in die Küche und legte sie auf den Küchentisch.

Es klingelte wieder an der Tür. Nicht wirklich energisch, aber auch nicht so als ob man es ignorieren konnte. Also ging Jo zur Tür. Er wollte sein Glück nicht noch einmal herausfordern, der DHL war ja schon dagewesen. Also schaute er durch den Türspion und entdeckte seinen Vermieter mitsamt zweier Polizisten vor der Tür. Das sah nicht gut aus. Jo überlege kurz bis er die Worte 'wohl nicht da' von seinem Vermieter hörte und ein 'Dann machen Sie mal auf' von den Polizisten. Jo rannte in die Küche, schnappte auf dem Weg dahin seinen Rucksack, stopfte das Geld, die Mappe und die Waffe in diesen und stieg aus dem Fenster. Als er schon fast draußen war, beugte er sich nochmals kurz herein und nahm noch den leeren Karton mit.

Das Fenster war im dritten Stock. Zum Glück ein Altbau mit richtigen Fensterbänken. Er konnte sich vom Küchenfenster bequem auf den Balkon nebenan hangeln (etwas was er natürlich nie getan hatte, auch nicht als die Kiffer von nebenan ihr Gras auf dem Balkon gelagert hatte). Von dort konnte er sich in die Ulme vor dem Haus hangeln und auf die Straße kommen. Zum Glück war niemand unterwegs – und wenn wäre es den Leuten in dieser Gegend wohl auch egal – und er verschwand rasch in Richtung Innenstadt.

Durch die Fußgängerzone hindurch ging er dann geradewegs in den Teil der Innenstadt, der ruhiger wurde. Am Vormittag zumindest. Die Bewohner waren dann nämlich noch am schlafen oder zumindest so zugedröhnt das sie eh nichts mitbekamen. Er ging in ein türkisches Café und setzte sich in den hinteren Bereich, der mit ein paar Raumteilern abgetrennt war, als „Raucherbereich“. Da es sich um ein türkisches Café handelte wurde überall geraucht, aber hier war er ungestört. Der Wirt brachte ihm kommentarlos ein kleines Glas heißen und süßen Tee. Danach konnte er sich in Ruhe dem Karton widmen. Der erste Tee war umsonst, man konnte hier aber ansonsten alles was es für Geld zu kaufen gab, wenn man wusste wonach man fragen musste. Falls man nicht wusste wonach man fragte, dann konnte es passieren, dass keiner der Anwesenden mehr die Sprache des Gastes verstand. Auch wenn man sich vorher glänzend mit dem Wirt unterhalte hatte.

Als erstes schaute er sich den Adressaufkleber an. Ein Standardadressaufkleber von DHL und als Absender war ein Hanns Wurst angegeben. Die Adresse sah verdächtig nach dem Zentralfriedhof aus. Damit war völlig klar wo das Paket herkam. Diese Art Pakete zu adressieren kannte er genau, er hatte ja selber einen Stapel vorausgefüllter Versandscheine daheim auf dem genau dieser Absender stand. Er hatte sich also ein Paket mit Geld, einer Mappe und einer Waffe mit Munition geschickt. Und zwar am gestrigen Abend. Per Express. Am Flughafen aufgegeben. Und er konnte sich immer noch an nichts erinnern.

Bevor er die Mappe öffnen wollte, versuchte er nochmal den gestrigen Abend zu rekonstruieren.

'Wann bin ich gestern los?' - Nichts.

'Ich bin zuerst zu …' - Nichts.

'Um wie viel Uhr gestern Abend bin ich …' - Nichts.

Er konnte sich nicht daran erinnern wann er wohin losgezogen war. Das war ja sehr ungewöhnlich. Dann versuchte er sich an das letzte zu erinnern was er getan hatte. Dann an das Mittagessen. Das Frühstück. Ans aufwachen... Nichts, Nichts, Nichts. Es gab einfach keine Erinnerung an den Tag. Sein Blick schweifte durch das Café und blieb an einer Zeitung hängen, die in seiner Nähe auf einem Stuhl lag. In dem Versuch sich an den Tag zu erinnern wollte er die Zeitung durchblättern, vielleicht würde das helfen. Also fing er an in der Zeitung zu blättern. Glücklicherweise war es ein deutsches Exemplar – nur weil es hier ein türkisches Café war, hieß das ja nicht, dass die Besucher nicht fließende und akzentfrei Deutsch sprachen, zumindest solange niemand in Uniform da war. Politik, Wirtschaft,.. Alles normal, die Welt wird untergehen wenn wir nicht diese Partei wählen oder jene Aktie kaufen. Beim Sportteil las er die Fußballergebnisse. Sein Lieblingsverein hatte ein Spiel verloren und würde morgen gegen eine andere Mannschaft antreten um zu gewinnen und den Abstieg zu verhindern. Irgendetwas in seinem Kopf zuckte. Er las den Kurzbericht nochmal. Wieder zuckte etwas. 'Moment, verloren?' Das letzte Spiel was er gesehen hatte – und er sah sich alle Spiele an – da hatten sie 3:0 gewonnen. 'Und wieso morgen?' Morgen war Dienstag, da gab es keine Erstligaspiele... Er suchte das Datum auf der Zeitung und fand es. Dann schaute er sich in dem Café nach einer anderen Zeitung um und schaute auf das Datum. Dann fragte er den Wirt, der ihn erst mitleidig anschaute, dann aber ihm das Datum nannte. Morgen war nicht Dienstag, sondern Samstag. Und zwar genau genommen der zweite Samstag nach dem Freitag an dem er das letzte Spiel gesehen hatte. Er konnte sich an volle zwei Wochen nicht erinnern!

Zwei Wochen! Das ist einfach zu viel. Erst musste er rausfinden was er in der Zeit gemacht hatte. Die Mappe war nicht mehr wichtig. Es gab nur noch etwas was jetzt wichtiger war. Er musste in den Circus!

Der Circus war ein kleiner Wanderzirkus, der aber seit einiger Zeit nur noch in der größeren Umgebung herumfuhr. Er hatte da einen alten Freund und immer wenn er echte Probleme hatte war dieser für ihn da. Umgekehrt natürlich auch. Zum Glück gastierte der Zirkus noch diesen Monat in der Stadt auf einer kleinen Wiese draußen am Niddapark. Mit der U-Bahn fuhr Jo raus und lief das letzte Stück zu Fuß. Nicht nur weil es keinen großen Unterschied machte - die Bushaltestelle war auch nicht näher dran als die U-Bahnhaltestelle - sondern damit er seine Gedanken sammeln konnte. Irgendwas musste er ja Erwin erzählen und vielleicht konnte der ihm helfen oder hatte etwas gehört. Eigentlich unglaublich, aber Erwin, der seit Jo denken konnte zum fahrenden Volk gehörte und selten länger als ein paar Wochen am gleichen Ort war, wusste immer genau was abging. Geradezu unheimlich war das. Sie hatten sich in der Jugend kennengelernt, als beide in einem Besserungslager waren. Jo wurde von seinen verzweifelten Eltern hingeschickt, Erwin von seinen Eltern. Erwins Eltern waren nicht verzweifelt, aber sie kannten das wirkliche Leben besser als so manch anderer Erwachsener - vorneweg besser als die romantisch verklärten Alt-68er bei denen Jo aufgewachsen war - und Erwins Eltern sahen das Besserungslager als so etwas wie eine höhere Schule an. Und richtig, Erwin und Jo lernten eine Menge dort. Sie lernten Leute kennen, die sie heute noch trafen. Und andere denen sie heute noch aus dem Weg gingen. Und so manche Aktivität war mehr als nützlich im späteren Leben -: Autos knacken, Türen öffnen, Leute verprügeln, auch so das man nicht sehen konnte, dass sie verprügelt worden waren und, und, und. Erwin und Jo hatten sich bereits am ersten Tag kennengelernt. Jo war ja aufgeklärt von seinen Eltern und fragte Erwin gleich: „Sag mal du bist doch ein Zigeuner? Wie ist das den so immer im Wohnwagen ohne Seife unterwegs zu sein und sich nicht zu waschen? Und was singt ihr so abends am Lagerfeuer?“

Erwin antwortete auf diese schnell herausgesprudelten Fragen mit einer längeren Erwiderung. Meistens mit rechts, aber auch sein linker Haken war mächtig. Jo war bei den ersten Schlägen noch zu überrascht sich zu wehren, fing sich aber schnell. Letztendlich waren die beiden Jungs jedoch ziemlich gleichstark. Als beide dann mit je einem blauen Auge und starkem Nasenbluten auf dem Boden hockten, beschlossen sie, dass sie einen neuen Anfang brauchten, gaben sich die Hand und wurden beste Freunde. In dem Besserungslager versuchte einer der größeren Jungs einmal gegen Erwin vorzugehen, den „rassisch unreinen Untermenschen“. Am nächsten Morgen fand man den Jungen im Wald, nackt in einem Ameisenhaufen an einen Baum gefesselt und mit seiner eigenen Unterhose als Knebel. Der Junge behauptete steif und fest das er sich selber dort angebunden hatte um mal „auszuprobieren wie das ist“. Die Betreuer glaubten ihm kein Wort, zumal er von dem Moment an Erwin und Jo in einem weiten Bogen mied, aber er blieb eisern bei seiner Geschichte, so dass die Betreuer irgendwann aufgaben ihn danach zu fragen.

Jo fand den Circus so wie immer – ein anscheinend völlig chaotisches Völkchen, das irgendwie um die Wagen und das Vorstellungszelt herumwanderte, quatschte, rauchte und irgendwie so aussah als würde es ganz genau so hierher gehören. Dabei wusste Jo genausogut, das sie am nächsten Morgen weg sein konnten und nur ein bisschen niedergetrampeltes Gras und der gelbe Fleck, wo das große Zelt stand, würde darauf hindeuten das jemand hier war.

Jo fand Erwin bei den Elefanten, die er gerade mit einem langem Schrubber wusch. Die Elefanten fanden das offensichtlich gut, jedenfalls drehten sie sich so das Erwin genau an die gewünschten Stellen herankam. Wie so oft fragte Jo sich, warum immer wieder Leute der Meinung sind, dass die Menschen im Circus ihre Tiere hassen und den ganzen Tag quälen. Gerade im Circus sind die Tiere bares Geld. Ein krankes Tier bringt kein Geld, sondern kostet. Und zwar richtig viel. Gerade die Exoten sind nicht nur teuer, die kann man auch nicht einfach ersetzen. In einem Circus werden keine Tierbabies gezeugt, dazu sind es meistens viel zu wenig Tiere. Also hegt man und pflegt man die Tiere damit sie nicht krank werden und ausfallen. Es ist wesentlich einfacher einen Clown oder einen Hochseilartisten zu ersetzen, selbst gute Dompteure gibt es genug. Aber wenn man ein Tier einmal gut dressiert hat, kann man nicht einfach in die nächste Zoohandlung gehen und ein neues kaufen, wenn das Alte nicht mehr kann.

Erwin kümmerte sich um die meisten Tiere. Er war zwar kein ausgebildeter Tierarzt, aber lange genug dabei die meisten Leiden selber erkennen zu können. Und wenn Erwin nicht weiterwusste dann holten sie oft einen Arzt aus dem Zoo, da ja der normale Haustierdoktor sich nicht so gut mit Löwen, Elefanten oder gar Sophie, dem Nilpferd auskannte.

Als Jo in das Zelt kam und Erwin begrüßte, sah ihn dieser erst einmal nur an. Jo war es dann doch peinlich mit ausgebreiteten Armen dazustehen und er ließ sie fallen.

„Äh, hallo nochmal Erwin. Ich bin's. Jo.“

„Ja. Das sehe ich.“

Erwin machte nicht den Eindruck als würde er besonders große Freude daran haben, Jo zu sehen.

„Also, ich... Ich wollte mal... Heute morgen also... Mensch Erwin, was ist den los?“ stammelte Jo.

„Mit mir? Nichts. Aber Du bist schon irgendwie komisch.“

„Ich? Wieso?“

„Na, letzte Woche wolltest Du mich nicht mal kennen, und diese Woche tust Du so als wäre nichts gewesen.“

Das Jo letzte Woche bei Erwin war wusste er nicht mehr. Genauso wenig wie er irgendetwas anderes der letzten zwei Wochen wusste. Deswegen war er ja hier.

„Also Erwin... Es ist so... Ich weiß nicht mehr ob ich letzte Woche da war...“

Erwin war kein geduldiger Mensch, auch nicht mit seinen Freunden. Man konnte förmlich die Wut sehen, die in ihm hochstieg und er hob bereits die Stimme als er sagte: „Du weißt nicht ob Du da warst? Freundchen ich werde Dir sagen das Du da warst und wie! Wie ein verdammter Großkotz bist du hier 'rum als ob Dir der Laden gehören würde. Jeden hier hast du behandelt wie Deine Angestellten. Du kannst von Glück reden das ich Paul zurückgehalten habe, der hätte Dir um ein Haar ein paar geknallt...“

Paul war der „starke Mann“ der Truppe und wirklich ein Bär. Wenn der irgendwo hinschlägt, geht immer was kaputt. Aber Paul war auch eine herzensgute Seele. Bei dem Gedanken wie er sich benommen haben musste um Paul dermaßen auf die Palme zu bringen, lief Jo ein eiskalter Schauer über den Rücken. Bevor Erwin sich weiter in Rage reden konnte unterbrach Jo ihn schnell:

„Erwin ich weiß wirklich nichts mehr aus den letzten zwei Wochen. Ich bin heute morgen aufgewacht und bin zweimal verprügelt worden, habe ein seltsames Paket bekommen und jede Menge Drohungen. Ich versuche herauszufinden was los ist und wie ich in diesen Schlamassel geraten bin, und wie ich da vor allem wieder rauskommen.“

Erwin sah ihn lange an. So lange das Jo sich gar nicht sicher war ob Erwin sich nicht einfach umdrehen und ihm die Freundschaft aufkündigen würde. Und das wo Jo noch nicht einmal wusste was los war!

„Na gut, ich werde Dir zuhören. Aber glaub ja nicht das die Sache dann ausgestanden ist. Du hast ganz schön was gutzumachen.“

So richtig fair fand Jo das nicht, er konnte sich ja an nichts erinnern. Aber trotzdem versprach er Erwin es gutzumachen, was immer es auch war.



Im Wohnwagen von Erwin erzählte Jo die Geschichte seines Tages und wie er feststellte, dass er sich an nichts erinnern konnte. Und er erzählte über den Inhalt des Paketes.

„Gut, die Knarre an sich ist ja schon ungewöhnlich. Ich hoffe mal Du hast sie nicht mit bloßen Händen angefasst, da kann ja alles mögliche dran sein.“

„Ich denke schon irgendwie...“

„Idiot. Und was steht in der Mappe?“

„Das weiß ich nicht, ich habe mir die noch nicht angeschaut...“ antwortete Jo kleinlaut. Er kam sich selten dämlich vor.

Erwin seufzte nur.

„Du Erwin, was habe ich eigentlich hier gemacht?“

Erwin sah ihn skeptisch an, so ganz konnte er wohl nicht glauben, dass Jo sich an nichts erinnern konnte.

„Also, Du warst hier mit ein paar komischen Typen. Sonnenbrille, Anzug und so. Sahen irgendwie aus wie Schauspieler die Mafiosi spielen sollten. Wenn das Angelo wüsste, die würden mit Betonschuhen baden bevor sie ihren falschen italienischen Akzent geübt hätten! Naja, jedenfalls wart ihr mit Klaus bei den Löwen und habt da ewig gequatscht. Dann seid ihr nochmal übers Gelände, Du hast gewunken wie der König – möge er an einem kurzen Strick baumeln – der vor das Volk tritt. Einfach zum Kotzen.“

„Vielleicht sollte ich mit Klaus reden, vielleicht weiß der was...“

„Na wenn Du ihn findest. DER ist jedenfalls direkt danach verschwunden und nicht wieder aufgetaucht.“

„Einfach so?“

„Genau.“

Eine Weile saßen sich die beiden Freunde schweigend gegenüber. Dann meinte Erwin beiläufig.

„Und weißt Du was das Schlimmste ist? Anscheinend haben so ein paar Schweine dann noch unseren Simba vergiftet. In der Nacht als Klaus weggelaufen ist. Klaus hat ja immer bei den Löwen geschlafen, die haben das irgendwie gebraucht. Aber kaum war der nicht da, ist wohl einer hin und hat bei Simba ein Stück Fleisch mit irgendeinem Gift hineingeworfen. Und anschließend den Käfig aufgebrochen und randaliert. Wie kann man so etwas nur tun? Simba war schon so alt, der hat niemandem was getan. Und sein Herz hat das Zeug einfach nicht vertragen.“

„Simba ist tot?“

Jo traf das wirklich sehr. Der alte Zirkuslöwe. Er konnte Brüllen wie ein junger blutdürstiger menschfressender Löwe. Er hat posiert als würde er gleich alles in Fetzen reißen. Dabei hat er sich immer gerne streicheln lassen und nie jemandem was getan. Er war im Circus groß geworden, die Krallen waren gestutzt und die restlichen Zähne die er hatte, reichten nur dann zum Fressen, wenn man es ihm vorher kleinschnitt. Und jetzt war er war tot.

„Aber warum haben sie den Käfig...?“

„Die Polizei meint das müssen irgendwelche Jugendlichen auf Drogen gewesen sein. Völlig irre. Wohl so eine Art Mutprobe. Wenn die bei Jucy gewesen wären dann hätte man die wohl nie gefunden. Jucy hat gerade Zahnschmerzen und wir können sie kaum bändigen und die Löwenvorstellung fällt schon aus. Aber Simba... Armer alter Kerl...“

Die Rätsel wurden immer größer für Jo. Er kam in den Circus mit Fremden, sprach mit Klaus - den er kaum flüchtig kannte - daraufhin rannte Klaus weg, Simba starb und sein Käfig war auch noch verwüstet. Irgendwie schien das nicht zusammenzupassen, aber eine kleine innere Stimme sagte Jo, dass es hier einen Zusammenhang geben musste.

„Jo, was ist jetzt mit der Mappe? Sonst wird mir das hier einfach zu Depri.“



Jo holte die Mappe hervor und gemeinsam mit Erwin gingen sie durch die Mappe. In der Mappe waren einige Kontoauszüge. Keine großen Beträge, und die Auszüge waren von verschiedenen Konten. Auch der Kontostand war nichts Besonderes. Dann gab es ein paar Kreditkartenauszüge. Auch hier nichts besonders, Restaurants, Kiosk, Flugtickets, einmal ein Juwelier, Autovermietungen... Erwin und Jo waren etwas ratlos, das alles schien überhaupt nicht brisant zu sein. Und es schien nun wirklich nicht so, als müsste man Jo dafür zweimal zusammenschlagen. Auch die Waffe die dabei war, machte keinen Sinn. Dann zu guter Letzt schauten sie sich die Photos an, die ganz hinten in der Mappe waren. Leicht unscharfe Bilder einer Person wie sie aus einem Auto steigt, in ein Haus geht. Dieselbe Person vor dem Eiffelturm. Auf den Photos war das Datum eingebrannt, auf der Rückseite der Ort. Zu guter Letzt war noch eine Speicherkarte in der Mappe. Wahrscheinlich waren da die digitalen Bilder drauf und sie schauten nur auf die Abzüge.

„Erwin, sag mal kennst Du den Typ?“

„Nö. Sollte ich?“

„Keine Ahnung...“

Und wieder hatte Jo das Gefühl das er den Menschen kennen sollte. Und bei seinem Problem der fehlenden zwei Wochen war er kein Stück weiter.

„Jo, wir schauen uns mal die Speicherkarte an. Es macht ja nicht soviel Sinn sowohl Abzüge als auch die Karte da drinnen zu haben.“

Auf dem Laptop von Erwin schauten sie sich die Photos an. Die ersten Bilder zeigten immer den gleichen Hauseingang mit verschiedenen Besuchern. Dann kam ein Bild welches Jo wie ein Hammerschlag traf. Es war sein eigenes Gesicht, er selbst war es der in dieses Haus ging. Dann kamen weitere Bilder, wie er wieder herauskam, mit einem Typen, der ihm bekannt vorkam. Dann wiederum sah er ein Bild wie er an einem Auto stand mit vier Leuten und wie dort Aktentaschen ausgetauscht wurden. Zu guter Letzt noch wie Jo in einen Mercedes stieg und wegfuhr.

Erwin schaute Jo fragend an und meinte „Und Du bist sicher das Du Dich an nichts erinnern kannst?“

Jo schaute Erwin an und schüttelte den Kopf. „Echt keine Ahnung...“

Erwin blätterte ein paar Bilder zurück und deutete auf eines der Bilder.

„Kennst Du den?“

Jo schüttelte mit dem Kopf.

Dann deutete Erwin auf ein anderes Photo, wieder mit einer anderen Person.

„Und den?“

Wieder verneinte Jo.

„Mit den Beiden warst du hier.“

„Aber dann muss ich die doch kennen, oder?“

Dann durchzuckte es Jo und er sagte: „Das letzte woran ich mich erinnere ist wie ich in der Kneipe war und mit irgendjemanden auf irgendwas getrunken habe.“

„Jo, versuch dich mal genau zu erinnern. Wer war das? Paul? Fritz? Achmed?“

Jo versuchte sich zu erinnern. Es war ein wilder Abend, er war ziemlich frustriert und hatte schon wild durcheinandergetrunken. An keinen seiner Freunde konnte er sich erinnern. Dann hatte sich jemand zu ihm gesetzt und ihm einen Drink nach dem anderen ausgegeben. Meistens Jägermeister. Jo war da schon zu voll um darüber nachzudenken. Der Typ hatte ihm die Getränke sogar geholt. Hatte der Andere überhaupt selber was getrunken? Und eigentlich hat der Typ Jo nur immer wieder gefragt was er so mache... Wieviel hatte ihm Jo erzählt? Das er alles mögliche mache, von Botendienstleistungen über Nachforschungen? Gute Frage... Dann viel Jos Blick nochmal auf die Photos und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen.

„Erwin, der Typ hier, der war mit mir in der Kneipe. Ganz sicher. Der hat mir dauernd Getränke ausgegeben.“

Erwin schaute sich das Bild genau an.

„Warte mal einen Moment hier.“

Erwin verschwand mit dem Photo. Nach einigen Minuten kam er wieder.

„Jo, das ist nicht gut. Der Typ auf dem Photo gehört zu einer Gruppe Armenier. Die sind hier neu im Drogengeschäft. Und sie verstehen keinen Spaß. Was hast Du nur gemacht?“

Jo schaute Erwin an und war völlig verwirrt. Woher kannte Erwin den Typen jetzt.

„Jo wir müssen mal zum Wagen von Simba. Ich habe da so ein Gefühl...“

Jo folgte Erwin. Der Wagen sah einsam aus, so ohne den vertrauten Anblick des alten Löwen. Sie gingen um den Wagen herum und auf der Rückseite blieb Erwin stehen und schaute Jo in die Augen.

„Jo kann ich Dir vertrauen?“

„Erwin, wie lange kennen wir uns schon?“

„Jo, das ist kein Scherz, kann ich Dir vertrauen? Vollkommen und absolut?“

Jo schaute Erwin tief in die Augen. Dann sagte er „Bis zum Tod.“ Und Jo meinte das in diesem Moment auch so. Er wusste nicht genau was ihn dazu bewogen hatte genau das zu sagen, aber es fühlte sich … richtig an.

Erwin nickte. Dann schaute er kurz zu Boden und bewegte sich als müsste er sich einen Ruck geben. Er drückte an ein paar Stellen an der Rückseite des Wagens herum, dann sprang ein Fach unterhalb des Wagens auf. Es war völlig unsichtbar gewesen bis dahin. Das Fach war groß genug um einen 20 kg Sack Reis oder so aufzunehmen. Aber jetzt war es leer. Zumindest sah es leer aus.

Erwin schaute konzentriert in das Fach rein und leckte dann seinen kleinen Finger ab und berührte eine Ecke in dem Fach. Etwas Staub schien an seinem Finger zu kleben, den er mit der Zungenspitze kostete.

„Jo, Du hast ein riesengroßes Problem glaube ich.“

„Mensch Erwin, was ist denn los?“

„Hier in dem Fach sind Drogen transportiert worden.“

„Aha. Und das heißt?“

„Mensch Jo, Du weißt das wir hier ab und zu mal was transportieren. Kleinigkeiten. Gefälligkeiten. Aber wir machen keine Drogen. Das ist zu heiß. Es ist sehr schwierig die Drogen aus den Fächern herauszubekommen, ein Drogenhund kann die noch nach Wochen erschnüffeln. Aber so direkt an dem Löwenkäfig... Ich weiß nicht ob er das riechen kann. Der Löwe riecht ja selber sehr stark. Und es sieht so aus, als ob Klaus den Käfig kaum noch gesäubert hat in der letzten Zeit. Ein Hund ist zwar gut aber irgendwann kann der auch nichts mehr erschnüffeln.

„Ja das leuchtet ein. Aber wieso war ich da dabei? Und wieso kann ich mich an nix erinnern?“

„Ich habe da was Leuten gehört in letzter Zeit. Da geht es um neue Drogen. Und eine neue Methode mit Boten umzugehen. Es wurden einige Boten aufgegriffen die sich an nichts erinnern konnten. Nicht was sie transportiert hatten, noch wohin. Sie wussten nicht mal das sie festgenommen wurden. Man musste sie freilassen müssen, weil nichts nachzuweisen war. Interessanterweise wurden die alle verpfiffen.“

„Erwin, ich verstehe hier gar nichts mehr, woher weißt Du das alles.“

„Jo, du bist ein lieber Freund, und ich vertraue Dir, aber glaube mir, Du möchtest hier gar nicht weiter fragen.“

Jo fiel es sehr schwer das so stehen zu lassen. Aber letztendlich war es der verzweifelt flehende Blick in den Augen seines Freundes und die lange Freundschaft, die noch nie enttäuscht wurde, die Jo dazu brachte das Thema fallen zu lassen.

Jo beschloss nun Klaus zu suchen, der musste ja irgendwo sein. Und dann herauszufinden was eigentlich passiert war.



In seine Wohnung wollte Jo im Moment nicht, nicht solange er nicht wusste was los war. Also ging er erst in den Hauptbahnhof und packte seine Tasche in ein Schließfach. Das bezahlte er für eine Woche und ging in die Innenstadt. Dort kaufte er sich einen einfachen Rucksack und ein bisschen Wäsche, schließlich ging er davon aus das er ein paar Tage brauchte um Klaus zu finden. Da er erreichbar sein wollte kaufte er sich im Supermarkt noch ein einfaches Handy und eine Sim-Karte. Die Nummer konnte er dann benutzen ohne das er direkt aufspürbar war. Sein eigenes Handy lag bei ihm zu Hause, aber das machte nichts.

In einem Internetcafe meldete er die Prepaid Karte mit einer Adresse aus dem Telefonbuch an. Das kontrolliert sowieso keiner. Und er hatte nicht vor das Handy oft oder lange zu benutzen. Trotzdem machte er, sobald er sichergestellt hatte, dass es funktionierte, das Handy aus und er entfernte den Akku. Damit sollte es erst mal unmöglich sein das Handy zu orten.

Seine Suche nach Klaus fing dort an, wo man vielleicht am leichtesten Untertauchen konnte – in den Stundenhotels am Bahnhof. Jo kannte da einige Leute die ihm einen Gefallen schuldeten. So ging er herum und beschrieb Klaus so gut wie möglich, aber es kam nichts dabei heraus. Gegen Mitternacht checkte Jo dann in seinem Hotel ein – die Bahnhofsmission für 3,5 € die Nacht, inklusive einer warmen Suppe und einem Stück Brot. Nicht gerade das Ritz, aber so anonym wie möglich.

Am nächsten Morgen ging Jo geradewegs zur Jugendherberge am Mainufer. Wie immer um die Uhrzeit war der Empfang nicht besetzt und er ging direkt in die Duschräume um sich ein wenig frisch zu machen. Normalerweise hassten sie es, wenn Fremde die Duschen benutzten, aber zu den Frühstückszeiten war oft keiner am Empfang, dafür aber die Tür wegen der vielen Raucher offen, so dass man sich problemlos hineinschleichen konnte.



Frisch geduscht machte Jo sich auf den Weg zu einem Kiosk in Alt-Sachsenhausen. Dort bekam er nicht nur ein Frühstück, dort konnte er auch gleich erfahren, was seine Suche am Vorabend gebracht hatte. Der Fernseher in dem Kiosk lief immer, so auch an diesem Morgen. Die Nachrichten waren so eintönig wie immer. Staatsbesuch von irgendwo. Woanders gab es Krieg. Die Ermittlungen in einem Politskandal gingen nicht voran. Das Wetter war auch Mist. Und die Bildzeitung, die jemand auf dem Tischchen an dem Jo saß vergessen hatte, schrieb dass die Polizei in Frankfurt immer noch auf der Suche war nach der Identität eines Mannes war, der in der Mainschleuse vor einigen Tagen tot aufgefunden wurde.

Für Jo war das alles nur ein Rauschen das an ihm vorbeizog. Er erinnerte sich, dass er nur noch wenig Zeit hatte bis er den Typen die am Vortag bei ihm waren „ihre“ Sachen zurückgeben musste. Was immer das sein mochte. Und so wie die Dinge standen, konnte er dabei nur Mist bauen.

Sein Blick fiel wieder auf den Fernseher. Er wollte gerade gehen und anfangen Herumzufragen da erstarrte er. Auf dem Fernseher war ein Bild zu sehen von einem von den Leuten auf den Bildern in der Mappe. Den Typen den er nicht kannte. Es war zwar eine ältere Aufnahme, aber er erkannte ihn.

„Hey, kannst du mal den Ton lauter drehen?“

Der Kioskbesitzer zuckte nur mit den Achseln und griff zur Fernbedienung.

„... wurde der Staassekretär zum letzten Mal gesehen. Die Polizei geht mittlerweile von einem Verbrechen aus. Wir bitten somit die Bevölkerung um Mithilfe. Wer hat diesen Mann zuletzt gesehen? Sachdienliche Hinweise...“

Mehr hörte Jo nicht mehr, er war bereits unterwegs zu einem Ort wo er mehr herausfinden konnte. Die 10 EUR die er auf der Theke des Kiosks hinterließ, waren mehr als genug für das karge Frühstück.

Wieder im Internetcafé machte Jo sich sofort auf die Suche und stöberte durch die Zeitungsarchive. Welch Wohltat dieses Internet. Früher hätte er von Zeitung zu Zeitung laufen müssen um die Archive durchzublättern und mittlerweile konnte er bequem online nachschauen, neben den Zeitungen natürlich auch in hunderten anderer Nachrichtensites und er blätterte sogar durch die Verschwörungsblogs. Die Theorien waren zwar immer sehr weit hergeholt, aber wenn man wusste wie man die Blogs lesen musste, konnte man doch Einiges erfahren. Jeder Kleinkriminelle war heutzutage vernetzt und jeder wollte sich produzieren. Auf völlig idiotische Einträge wie „Er wurde von Aliens entführt“ folgte früher oder später einer der wirklich etwas wusste. Und in einem Blog wurde er fündig. Unter-dem-Grund.tv war ein Blog das von ein paar völlig Verrückten gemacht wurde. Hier wurde der Staatsekretär nicht nur mit Drogen in Verbindung gebracht, es wurde sogar explizit ein Zirkus erwähnt, der ihm dabei geholfen haben sollte. Das Blog nannte keine Namen, aber zumindest „Sauertopf20“ brachte ein paar interessante Aspekte. Interessanterweise war er überzeugt davon, das der Staatssekretär gar nicht in die eigene Tasche gewirtschaftet hat, sondern wohl vom Bundesnachrichtendienst angeheuert worden war. Und das er die Drogen an die Falschen verkaufen wollte, die ihn dann kalt gemacht hatten. Der letzte Eintrag von Sauertopf20 war genau der Tag an dem Klaus verschwunden war. Die Sache war sehr merkwürdig.

Jo suchte dann noch nach Organisationen die neu im Drogengeschäft waren und er fand jede Menge Informationen. Meistens das übliche wie „Mafia“ und „Russen“. Aber dann stieß er auf eine Information die ihm den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Es gab wohl eine neue Organisation die nach Europa drängte. Größtenteils bestand sie aus Russen, man vermutete enge Kontakte zum russischen Geheimdienst. Und es gab zwar viele Verdächtigungen, aber nachweisen konnte man ihnen nie etwas, weil alle Zeugen immer verschwanden. Die meisten Mitglieder kamen wohl aus der Ukraine, und man war dort darauf aufmerksam geworden, dass es eine Häufung von Leichen ohne Kopf, Hände und Beine gab. Die ganzen Informationen waren zwar irgendwie stimmig, allerdings so unspezifisch, dass sie zu allem Möglichen passen konnten. Etwas konkretes wollte einfach nicht auftauchen. 'Das wäre auch zu einfach gewesen' dachte sich Jo.

Er prüfe noch kurz seine toten Briefkästen. Das waren diverse versteckte Foren im Netz, mache auf Webseiten deren Admins keine Ahnung hatte, dass die Foren da überhaupt existierten. Es gab zum Glück jede Menge Idioten die anderen Idioten das Geld aus der Tasche zogen mit „Internetdesign“, selber aber keine Ahnung hatten und nicht mal merkten wenn auf ihren Servern 10 andere Applikationen liefen. Vor allem die ganzen „Baukasten-Webseiten“ boten sich dafür an. Wer sowas benutzte konnte mit einem Serverlog eh nichts anfangen. Dort versteckte Jo immer wieder eine kleine selbstgeschriebene Forensoftware. Da er schon ziemlich lange im Internet unterwegs war, kannte er viele Leute die mehr oder weniger im Untergrund waren. Namen kannte er nicht, nur wie sie sich nannten. Das war auch egal. Die Profis erkannte man daran das sie Geld nicht interessierte, sondern nur die Information. Leider war es einfacher an einen Gigabyte-großen Datensatz mit Benutzerinformationen oder kompromittierenden Photos heranzukommen, als etwas über Drogen oder die Mafia herauszufinden. Es war einfach eine andere Zielgruppe.

Dennoch, in einem der Foren fand er einen Eintrag, den er anscheinend sogar selber geschrieben hatte. Und zwar vorgestern.

„2 nippel, rote beine, im dreieck findest du das deine, ein glas, zwei glas, drei glas, was macht das?“

'Man muss ich zugedröhnt gewesen sein. Was soll das denn sein?'

Jo wunderte sich immer mehr über sich selbst. Anscheinend hat er ja eine Nachricht geschrieben, aber an wen?

Der einzige Eintrag danach war von l33tmops einem alten Bekannten, der er sogar mal persönlich getroffen hatte. Früher war l33tmops bei Banken eingebrochen und hatte die Konten elektronisch durcheinandergewürfelt, heute bekam er Geld fürs Einbrechen von den Banken, plus das Versprechen niemanden von seiner Vergangenheit zu erzählen. Da l33tmops die Banken als sicher, zuverlässig und vertrauenswürdig kannte, hatte er natürlich dafür gesorgt, dass die „streng geheimen Akten“ über ihn alles enthielten - nur nichts was ihm schaden konnte. Anscheinend waren alle Parteien darüber glücklich... Jedenfalls schrieb l33tmops nur eine Zeile die „7 auf einen Streich“ hieß. Sehr seltsam.

Total verwirrt verließ Jo das Internetcafé und wanderte durch die Innenstadt. Als sein Magen anfing zu knurren beschloss er eine Pause zu machen. Er war mittlerweile wieder in Alt-Sachsenhausen angekommen. Dort lief er in einer Apfelweinkneipe ein und bestellte sich die Grüne Soße mit 4 ½ Eier - immer wieder lecker und nicht teuer. Da er durstig war, trank er ein paar Apfelwein dazu. Ohne weitere Ideen beendet er seine Mittagspause und spazierte am Mainufer entlang um in einem Internetcafé am Bahnhof nochmals die Foren zu prüfen und dann zu Erwin zu fahren. Der Apfelwein war ihm etwas zu Kopf gestiegen, so fand er den Spaziergang ganz gut. Am Mainufer fiel sein Blick auf den Eisernen Steg und schlagartig fiel ihm ein, wie er die Brücke immer im Scherz nannte: „Steile Nippel, rote Beine, der Steg ist Frankfurts lange Leine“. Und das Dreieck konnte er auch sehen, es war die Fahrrinnenmarkierung für die Schiffe. Im Eilschritt lief Jo auf die Fußgängerbrücke und suchte zu beiden Seiten an den eisernen Geländern einen Hinweis. Genau in der Mitte fand er ihn. Ein Schloss mit einem roten Herzen und „J+M“ darauf. An sich nichts Ungewöhnliches, befestigten doch viele Pärchen ein Schloss an der Brücke um ihre Liebe zu signalisieren. Aber zum Einen kannte er das Schloss, da er es selbst vor ein paar Wochen gekauft hatte, zum anderen war an dem Schloss noch ein kleiner Schlüssel befestigt. Es handelte sich um ein Zahlenschloss und da Jo es noch gar nicht benutzt hatte probierte er die Standardkombinationen aus – 1,2,3,4; 0,0,0,0; seinen Geburtstag... Nichts davon öffnete das Schloss. War es doch eine falsche Fährte?

'Nachdenken, Jo, nachdenken...'

Er überlegte angestrengt. Und was sollte der zweite Eintrag? Hatte das etwas damit zu tun? Ein Glas, zwei Glas, drei Glas... Vielleicht Uhrzeiten? 1500? Aber das funktionierte auch nicht. Und wieso 7 auf einen Streich? Viermal die Sieben hatte er schon probiert, das hat nicht funktioniert. Er kam sich vor wie das Tapfere Schneiderlein das erfolgreich eine Aufgabe nach der anderen löst und trotzdem wurde keine anerkannt.

'Tapferes Schneiderlein? 7 auf einen Streich? Moment mal...'

Jo zog den Beleg der Apfelweinkneipe aus der Tasche - richtig, die hieß ja Dauth-Schneider. Und 3 Glas Apfelwein kosten... 5,10 EUR. Also probierte Jo die 5100 und das Schloss ging auf. Der Schlüssel fiel ihm dabei fast aus der Hand in den Main, er konnte ihn gerade noch fangen.

Es war ein ganz normaler Schlüssel von einem Schließfach. Mit der Nummer 58 eingeprägt. Der Schlüssel sah genau so aus wie der den er in der Tasche hatte. Sofort eilte er Richtung Hauptbahnhof. An den Schließfächern probierte er den Schlüssel aus und tatsächlich, es ließ sich öffnen. Darin fand er einen weiteren Schlüssel und ein Stück Papier. In seiner eigenen Handschrift war ein Brief geschrieben – offensichtlich an Jo.

Hallo lieber Unbekannter,

ich weiß nicht genau wer Du bist, weil ich leider nicht mal so genau weiß wer ich bin. Ich weiß nur das ich glaube ich ziemlich tief in der Scheiße stecke. Anscheinend habe ich mich mit Leuten eingelassen, von denen man besser die Finger lässt. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass ich mich an kaum etwas erinnern kann, was länger als 10 Tage her ist. Ab und zu bekomme ich Flashbacks, mit denen ich nichts anfangen kann. Einer davon war aber so deutlich, dass ich glaube ich bin jemand anders. Ich hoffe Du, der dies liest, kannst damit mehr anfangen. Ich weiß nicht wie es mir geht, wenn Du das liest, oder wo ich bin, oder ob ich noch lebe. Das was ich getan habe, ist jedoch durchaus ein Grund das ich irgendwo auf dem Grund eines Sees liege – oder in mehreren. Der Schlüssel anbei ist für ein anderes Schließfach. Dort findest Du auch den Grund warum man hinter mir her ist. Ich habe ein Paket an jemanden geschickt, von dem ich glaube das ich ihn kennen sollte. Da ich aber nicht weiß wer Du bist, verrate ich nicht wer das ist. In dem Paket ist der andere Teil.

Am Samstag abend soll das Zeug aus dem Schließfach übergeben werden, Gleis 25. Das Zeug aus dem Paket ist für den Empfänger. Wenn er jemand mit Anstand ist, dann weiß er was zu tun ist. Ich jedenfalls versuche abzuhauen und irgendwie aus der Sache rauszukommen.

XXX“

Mit zitternden Händen ging Jo zu dem Schließfach für das der neue Schlüssel war. Er öffnete die Tür und schaute hinein. Er schaute sehr lange hinein. Dann machte er die Tür wieder zu.



Vom Bahnhof aus fuhr Jo in den Zirkus. Er wusste einfach nicht was er tun sollte. Die ganze Situation überforderte ihn komplett. Es gab niemanden mit dem er reden konnte. Außer Erwin. Und er wusste nicht ob das ein Fehler war. Vielleicht steckte Erwin da mit drinnen? Schließlich hatte er ihm das Drogenversteck gezeigt. Aber Erwin wusste ja soweit schon alles...

An Zirkus fand Jo Erwin in seinem Wagen.

„Hallo, darf ich reinkommen?“

„Klar. Bist du weitergekommen?“

Jo schaute ihn lange schweigend an. Konnte er sich so in Erwin getäuscht haben? Sein Freund, so lange Jahre? Das mit den Drogen hatte er ja nicht gewusst. Okay, das ein Zirkus immer mal was schmuggelt, okay, aber Drogen? Mafia? Erwin ein Killer?

Jo gab sich einen Ruck. Wenn Erwin ein Verräter und Mörder war, so gab es das ganze Leben keinen Sinn.

„Ich muss Dir was erzählen...“

Erwin hörte aufmerksam zu als Jo ihm alles erzählte was er herausgefunden hatte. Als Jo fertig, war es an Erwin ihn lange anzuschauen.

„Komm Jo, wir gehen spazieren.“

'Also doch, jetzt gehen wir spazieren und ich ende mit einer Kugel im Kopf.'

Aber Jo war das alles mittlerweile egal. Er nickte nur und folgte Erwin.

Hinter dem Zirkus was ein weites Feld und Erwin und Jo gingen ein ganzes Stück schweigend nebeneinander her. Jo wartete jeden Augenblick darauf, das Erwin eine Waffe zog und ihn erschoss. Und mit jeder schweigenden Sekunde wurde Jo wütender auf seinen Freund, wütend weil dieser ihn so betrog, weil er es nicht schnell machte, weil er sich an Jos Angst labte. Dann platzte ihm der Kragen

„Jetzt mach endlich hin! Nicht einmal hier bist du fair und machst ein schnelles Ende! Los, mach endlich und bring mich um!“

Erwin schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen und offenstehendem Mund an. Und fing plötzlich laut an zu lachen. So stark, dass ihm die Tränen in die Augen schossen. Jo wurde dadurch noch wütender und schließlich, weil Erwin gar nicht aufhörte zu lachen verpasste er ihm einen Kinnhaken. Erwin stolperte zu Boden und hielt sich das Kinn.

„He! Jetzt mach mal halblang!“

„Ich? Wer ist hier der Mafiamörder?“

„Jetzt setz' Dich erst mal hin und halt die Klappe. Ich bin weder von der Mafia noch ein Mörder.“

Unschlüssig wankte Jo hin und her. Erwin machte keine Anstalten aufzustehen oder zurückzuschlagen. Und ein echter Mafiamörder hätte doch schon längst seine Knarre gezückt und ihn erschossen, oder?

„Also, Jo, den Kinnhaken habe ich sicher verdient. Aber jetzt lass mich mal was klären...“ Erwin schaute Jo an und als dieser nichts sagte, fuhr er fort:

„Ich bin nicht bei der Mafia, sondern ganz im Gegenteil. Ich bin beim BND und das schon eine ganze Weile. Mein Leben ist eine einzige Lüge und Du bist der Einzige der mich kannte, bevor ich beim Dienst anfing. Ich durfte Dir nie etwas verraten, aber ich habe sogar meinen Dienstherren über Dich getäuscht. Die halten Dich für eine Zufallsbekanntschaft, der ich ein paar mal über den Weg gelaufen bin. Ich habe es nie fertiggebracht die Wahrheit über Dich zu erzählen – das Du mein Freund bist und ich für Dich durchs Feuer gehen würde.“

Erwin schaute Jo sehr ernst an. So ernst das Jo schmunzeln musste.

„Ein Arsch bist Du trotzdem.“

„Gleichfalls. Mir so eine zu zimmern.“

„Sorry.“

„Schon gut, ich kann Dich verstehen. Aber glaube mir, ich wollte Dich nie hier mit reinziehen. Das hast du ganz alleine geschafft. Und jetzt müssen wir zusehen wie wir das hinbekommen.“

„Was jetzt eigentlich?“

„Also, das ist jetzt aber wirklich eine richtig geheime Sache. Das geht bis ganz nach oben. Versprich mir, dass Du niemals, gar niemals irgendjemanden etwas davon erzählst, nach diesem Gespräch auch nicht einmal mir mehr? Ich kann Dich sonst wirklich nicht mehr raushalten.“

„Erst erzählst Du mir die Geschichte. Dann entscheide ich.“

Erwin zögerte, dann nickte er. „Das ist nur fair.“

„Also, vor ein paar Jahren ist jemanden bei der Drogenfahndung aufgefallen, dass immer eine größere Menge Drogen hierherkommen wenn der Zirkus in die Stadt kommt. Der Zirkus ist schon länger meine Deckgeschichte, weil ich so leichter mitreisen kann. Was meine anderen Aufgaben angeht muss ich Dich bitten zu verstehen, dass ich Dir nichts dazu sagen darf. Jedenfalls ist diese Info von der Drogenfahnung an die Hauptstelle des BND durchgesickert, wohl deswegen, weil man konkret mich im Visier hatte. Die Drogenfahndung ist nicht so dumm wie man meint, die hatten schon recht viele Karten aufgedeckt und vermuteten tatsächlich einen der Tierpfleger als Haupttäter. Der BND hat die Drogenfahndung dann mundtot gemacht und selber ermittelt. Was dabei rauskam war aber viel, viel größer als die gedacht haben. Es ging hier nicht nur um ein paar Drogen. Es ging hier um das ganz große Programm. Wertpapierschmuggel, Menschenhandel, Geldwäsche, Korruption. Je mehr beobachtet wurde, um so beeindruckender war das. Es ging bis ganz nach oben. Sogar einige richtig große Geschäfte wurden über den Zirkus abgewickelt. Natürlich nichts was schnell gehen musste, aber Eigentumsurkunden werden nicht so schnell schlecht. Der BND hat sogar einen Staatssekretär aktiviert. Der steht jetzt unter Personenschutz und wird in ein Zeugenschutzprogramm integriert. Wir reden hier von einer ganz dicken internationalen Nummer. Es ist schon länger nicht mehr der BND alleine. Alles Top Secret. Jedenfalls hat der Staatssekretär den Lockvogel gespielt. Sein politischer Aufstieg ginge nicht schnell genug, Ehrgeiz, Gier und so weiter. Er ließ Andeutungen fallen, hat sogar selber ein paar Sachen eingefädelt. Alles unter der Aufsicht und mit dem Wissen der Dienste.“

Jo hob die Augenbrauen.

„Ja, ich weiß Jo, wenig überraschend scheren sich die Dienste in solchen Fällen nicht wirklich um die Gesetze. Schön und gut, jedenfalls wurde der Ausstieg genau geplant. Es sollte eine größere Menge an Drogen übergeben werden, im Austausch gegen die Tatwaffe eines der größten ungeklärten politischen Morde unserer Zeit. Glaube bloß nicht das es sich in Stockholm 1986 um einen verwirrte Einzeltäter gehandelt hat, das wurde mit dem Wissen von vielen durchgeführt. Die Tatwaffe ist eine Atombombe in den richtigen Händen. Europa als solches steht auf dem Spiel. Die Drogen sollten eingekauft werden und gegen Besitzurkunden einiger Unternehmen getauscht werden. Man hätte das auch mit Bargeld machen können, aber zum einen ist Bargeld weit leichter zu verfolgen als Drogen und zum anderen wurde hier absichtlich ein illegaler Weg beschritten - Erpressung Teil II lässt grüßen. Ganz nebenbei gibt es wohl eine Verbindung zwischen Drogen und den Besitzer der Tatwaffe, aber das ist fast schon Spekulation.

Die Übergabe ist geplatzt. Es kam zu einer Schießerei bei der Klaus erschossen wurde. Er war keiner von uns, sondern hatte die Kontakte zur Tatwaffe. Die beiden Typen mit denen Du hier warst sind tatsächlich von der Mafia und sie waren für die Drogen zuständig. Du warst bei der geplatzten Übergabe ebenso dabei. Und mittlerweile glauben alle, Du hast die Sachen. Was ja auch stimmt.“

Es entstand eine lange Pause in der keiner der Beiden etwas sagte. Schließlich brach Jo die Stille:

„Und jetzt?“

„Jetzt? Jetzt will die Drogenmafia Deinen Kopf, mein Dienstherr will ihn auf einem Silbertablett und die, die die Tatwaffe loswerden wollten, möchten Dich ganz, aber in kleine Scheiben geschnitten und in verschiedenen Jauchegruben Europas versenken.“

„Scheiße.“

„Ja, genau.“



Das Schweigen zwischen den beiden Freunden dehnte sich, bis schließlich Erwin einen Vorschlag machte. Nach einigem Hin- und Her erklärte sich Jo damit einverstanden. Erwin stand auf und ging zum Zirkus zurück. Nach einigen Minuten stand Jo auch auf und ging in die andere Richtung.



Um 21:50 stand Jo am Gleis 25 am Bahnhof in Frankfurt - wobei es sich dabei nicht um ein Bahngleis handelt sondern um eine Kneipe am Bahnhof. Er trug eine Sonnenbrille und rauchte Kette. Parliament. Echt russisch. Für den Fall das es länger dauert hatte er drei Päckchen eingesteckt. Es war eigentlich nur wichtig, dass er rauchte. Und zwar so das man das auch sah. Sollte er die Zigarette ausmachen und sich in weniger als 1 Minute keine neue ansteckte wäre das ein Signal. Um kurz nach Zehn fragte ihn ein Passant nach Feuer. Während er dem freundlichen älterem Herrn mit den so gut gepflegten Schuhen Feuer gab und jener mit seinen Händen die Hände Jos umschloss, sagte der Typ leise „Es ist fast kalt genug zum schneien.“

Daraufhin liess Jo den kleinen Schlüssel los, den er in der Hand mit dem Feuerzeug gehalten hatte. Der Schlüssel verschwand einfach in der Hand des älteren Herrn, der ihm noch kurz zunickte und dann in den Bahnhof verschwand, dicht gefolgt von einem hässlichen Affen mit Springerstiefeln. Jo stand einen Moment unschlüssig herum und wollte sich gerade umdrehen und gehen, als jemand ihn von hinten anrempelte und ihm etwas Spitzes ins Kreuz stieß. Eine tonlose Stimme flüsterte ihm direkt ins Ohr

„Es wäre besser wenn Du dich jetzt nicht bewegst, sondern mir ganz langsam das gibst was mir gehört.“

Jo versuchte aus seiner Erstarrung zu entkommen. „Ich habe es in der rechten Manteltasche.“

„Dann hol's raus“ zischte die Stimme und der spitze Gegenstand pikste noch tiefer in seinen Rücken. Jo ließ die Zigarette fallen und griff mit der rechten Hand in seine Manteltasche. Er holte langsam einen in Stoff gewickelten Gegenstand heraus.

„Auspacken und zeigen.“

Jo wickelte vorsichtig eine Ecke frei und hielt sie so das der Unbekannte hinter ihm die 9 mm Pistole erkennen konnte.

„Einpacken und Hergeben.“ zischte die Stimme wieder. Jo holte tief Luft, machte etwas Aufhebens um das Wiedereinpacken und drehte sich dann ruckartig um und ließ sich im gleichen Moment fallen. Der Unbekannte hinter ihm hatte wohl damit gerechnet, dass Jo etwas Dummes machen würde und hatte mit der spitzen Klinge schon zugestoßen bevor Jo sich richtig anfing zu bewegen. Jo fiel zur Seite und der Unbekannte holte mit seinem Messer aus und wollte damit nochmal auf Jo einstechen, als er bereits von vier maskierten überwältig wurde. Starke Arme griffen nach Jo, ein schwarzer VW-Bus brauste heran, die Tür flog auf und Jo wurde hineingestoßen. Bevor die Tür richtig zu war, war der Bus schon losgefahren.

Ihm gegenüber saß ein breit grinsender Erwin.

„Hallo Jo du altes Nadelkissen!“

„Hört bloss auf das tut weh!“

Jo betastete sich wo der Messerstecher zugestochen hatte und schaute angeekelt seine roten Hände an.

„Stell Dich nicht so an!“

Jo zog schweratmend den Mantel aus und darunter kam eine Schuss- und Stichsichere Weste zum Vorschein. Das Blut tropfte schwer aus seinem Mantel.

„Bah, ich weiß doch gar nicht ob das Blut überhaupt sauber ist.“

„Die Sau von der das kommt wird schon keine Masern gehabt haben. Freu' Dich, wir haben sowohl die Drogenjungs als auch den Käufer der Waffe. Der Zugriff hat so gut geklappt das wir mal ausnahmsweise nicht den Kurier, sondern die Hintermänner haben.“

„Und was ist wird jetzt?“

„Offiziell war das nur ein kleiner Dealer und eine Schlägerei. Die Typen die wir festgenommen haben werden in ein paar Tagen freigelassen. Zumindest welche die ähnlich aussehen. Du bleibst am besten noch ein paar Tage in Deckung. Ich melde mich.“

Am anderen Ende der Stadt wurde Jo aus dem Auto gelassen. Der VW-Bus schoss so schnell davon, dass Jo das Nummernschild nicht mal erkennen konnte. Es wäre aber wahrscheinlich eh falsch gewesen.

In dem Billighotel war ein Zimmer für ihn reserviert und Erwin hatte ihm vor dem Rauswurf noch schnell den Schlüssel in die Hand gedrückt. Auf dem Tisch im Zimmer stand ein Päckchen und ein kleiner Koffer. In dem Koffer waren ein paar Anziehsachen und Kosmetikartikel wie Jo wusste. Von dem Päckchen wusste er nichts.

'Schon wieder?' dachte er bei sich. Dann öffnete er es vorsichtig. Darin lagen ein Personalausweis und ein Reisepass. Beides offensichtlich ältere Dokumente, schon ein paar Jahre alt. Im Reisepass waren sogar einige Stempel enthalten – USA, Kanada... Nur das Photo in den Dokumenten war eindeutig seines. Unter den Ausweisen lagen einige Bündel Banknoten, drei Kreditkarten und ein zusammengefalteter Zettel.

Auf dem Zettel standen nur wenige Zeilen.

„Mehr konnte ich nicht für Dich tun. Ich hoffe es reicht für einen Neuanfang. Vielleicht sehen wir uns mal wieder. E.“

Unter dem Zettel war noch ein Flugticket nach Los Angeles. Jo zündete mit einem Streichholz den Zettel an und ließ ihn im Aschenbecher zu Asche zerfallen. Er betrachtete das Ticket und dachte sich 'Economy? Geizkragen!' halb im Ernst. Das Ticket war für morgen. 'Ach was soll's.' dachte sich Jo, bin ich ab jetzt halt John Mohn und versuche mein Glück in den USA. Das Bargeld wird eine Weile reichen und dann wird sich schon was finden für einen Privaten Ermittler...

 

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