Wer hat gesagt es wird Regen geben?

Knarzend versuchen die Scheibenwischer die Regenmassen zu bändigen. Die Rücklichter des Vordermanns sind kaum zu erahnen. Wie immer bin ich viel zu schnell unterwegs - Baustellen, Berufsverkehr, Wolkenbruch. Ist doch alles egal. Ich frage mich nach dem Sinn. Wozu eigentlich der ganze Streß? Jedesmal, wenn Du denkst, du hast einen Lauf, kommt von irgendwoher einer und schlägt Dir voll eine in die Fresse. Super. Wieder bremse ich, um nicht mehr als 40 km/h zu schnell zu fahren. Die Vorderreifen finden kaum halt, aber das ist mir egal. Irgendwie wird es schon gehen. Meine Gedanken sind sowieso nicht bei der Sache. Ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Nach Hause fahren, etwas schlafen und zurück. Mein Job ist auf der Kippe. Ich kann mich einfach nicht konzentrieren. Ständig muss ich daran denken. Wie die dunklen Regenwolken, die mich umhüllen, wie der Regen die Welt nur noch durch einen Schleier wahrnehmen läßt kommt es mir vor. So viel zu tun, so wenig Zeit. Zeit... Zeit ist das Problem. Immerzu habe ich keine. Ein Berg Arbeit wartet auf mich, den ich nicht bearbeiten kann. Andererseits würde mich das ablenken. Von der Realität, von der Welt. "Alles Mist." Ja, genau. Warum trifft es eigentlich immer die Unschuldigen? Warum nicht jemand anders? Am besten jemanden den du nicht kennst. Einen Sack Reis in China zum Beispiel. Und wieder kreisen meine Gedanken um sie. Immer weiter, eine tödliche Spirale. Auf ein schwarzes Loch zu...
Ich zwinge mich an etwas anderes zu Denken. An die Arbeit die vor mir liegt. Eigentlich müßte ich schlafen, ich bin ja todmüde. Aber ich bringe es nicht fertig. Jedesmal wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihr Gesicht vor mir. Und ihr gezwungenes Lächeln, mit dem Sie versuch mich zu beruhigen. "Es wird schon." Wie gerne würde ich das glauben. Und dieser Klumpen im Bauch? Bin ich einfach egoistisch? Ist es die Angst alleine zu sein? Ist es wirklich einfach nur die Wut darauf, das es den anderen trifft und nicht einen selbst? Ich weiss es nicht. Alles lief gut. Die Welt war in Ordnung. Wir haben uns gefühlt wie in der Werbung: Alle sind glücklich. Und plötzlich, von einem Tag auf den anderen ist alles anders. Die Welt zerbricht vor deinen Augen. Du versuchst nach den Scherben zu greifen und sie zerschneiden deine Hände, doch es ist dir egal, du versucht einfach nur festzuhalten was übrig ist von deiner Welt, von der Sicherheit, von dem wunderbaren Traum den du bis eben noch geträumt hast. 'So etwas passiert uns doch nicht.'
"Ha!"
Falsch gedacht. Passiert es doch. Irgendjemanden muss es treffen. Warum nicht Dich? Oder Sie? Justizia wird mit einer Waage und einem Schwert gezeichnet. Kaum einer scheint zu bemerken, das nicht die Waage die Hauptsache darstellt, sondern das Schwert. Scharf. Glänzend. Tödlich. Es kann Dich jederzeit treffen. Und das Gewicht Deiner Seele wiegen!
Und was wirst Du dann tun? Oder sagen? "Warum ich?" Guter Anfang. Nützt zwar nichts, aber versuchen kann mans. In einem Comic habe ich mal gelesen 'Wenn wir sowieso alle Sterben, was für einen Sinn macht das Leben denn überhaupt?'. Gute Frage, Calvin. Ich frage mich das mittlerweile auch. Was für einen Sinn macht es eigentlich? Bis vor kurzem hätte ich noch etliche Antworten gehabt.
"Um Gutes zu tun!"
"Sei Du selbst, dann ist alles in Ordnung!"
Hühnerkacke ist das alles! Gar nichts ist in Ordnung. Gar nichts ist richtig. Der Mensch, der alles für mich ist, die Sonne, der fehlende Teil meiner Seele, ist zerbrechlich! Scheisse, es ist wahr. Es geht hier nicht um wehwehchen, es geht hier darum, das Du feststellst, das Du alles verlieren kannst, ohne Vorwarnung, einfach so. Von Heute auf Morgen ist die Welt eine andere. Alles was gerade noch bunt und fröhlich war, ist jetzt kalt und klebrig. Und jemand lacht und zeigt Dir die Asche deiner Träume. Nur noch Rauch, was einmal Zukunft war. Ein einfaches Wort und es ist vorbei. Nur eine Silbe. Fünf Buchstaben, jeder einzelne ein Grabstein, tonnenschwer fallen Sie auf Dich, erdücken Dich, schnüren Dir die Luft ab, zerren Dich in die Tiefe der Nacht, wo nichts ausser dem Dunkel mehr existiert. Kann das denn Fair sein?
Wer hat gesagt es wird Regen geben? Angeblich ist die Sonne irgendwo da draussen. Über den Wolken. Aber weiss ich es? Sie könnte längst erloschen sein, und nur der Regen bleibt. Keine Hoffnung mehr. Ein kleines Wort, in viele große verpackt. Das machen sie um es Dir leichter zu machen. Um Dir nicht alle Kräfte zu rauben. Das ist wie wenn man einen Haufen Scheisse in Geschenkpapier wickelt. Vielleicht stinkts dann nicht so. Und doch. Es bleibt Krebs.
Klar, vieles ist machbar in der mordenen Welt. Wir können zum Mond fliegen. Maschinen zum Mars schicken. Unschuldige Kometen anrempeln. Das Atom bezwingen. Aber wenn es um einen Menschen geht, sprechen wir auf einmal von "Prognose". Und "Statistik". Und wenn dieser Mensch alles ist, was wir haben, für den wir alles geben würden? Was ist dann mit der Statistik? Nur hohle Phrasen bleiben, die es einfacher machen sollen, das alles zu überstehen.
Fluchend reisse ich das Lenkrad herum und weiche meinem Vorderman aus, der ein plötzliches Bremsmanöver vollführt. Verdammte Tagträumerei. Ich kann ja nicht mal was ändern. In diesem Leben bist Du einfach festgeschnallt und fährst Achterbahn. Und irgendwann bleibt der Wagen stehen und Du musst aussteigen. Fragt sich nur, ob Du nur schreist oder auch kotzt. Am schlimmsten ist es für die die bleiben. Die sich immerzu fragen: "Hätte ich was tun können?" Hätte ich? Habe ich einen Fehler gemacht, der mich alles gekostet hat, was mein Leben lebenswert machte? Besteht noch Hoffnung diesen Fehler zu korrigieren? Bekommen wir die zweite Chance? Das Zweite Leben? Hoffnung? Glück? Ich weiss es nicht. Ich weiss das ich sie liebe, mehr als ich jemals einen Menschen geliebt habe, mehr als alles auf der Welt. Ich weiss das ich mein Leben für Sie ohne zu zögern geben würden, das und noch viel mehr. Ich werde es mit Ihr durchstehen, werde Ihr Halt sein, wenn Sie halt sucht, sie trösten, wenn Sie Trost braucht. Und werde Sie antreiben, wenn Sie nicht mehr weiterkann. Ich weiss, nur so schaffen wir es, nur so können wir sein, was wir sind: Zwei untrennbare Seelen, die sich gefunden habe.
Für immer.
Für Dich.

Kommentare

Zurück