Kein Schritt zurück

Die Tür schnappte hinter ihr mit einem leisen Klicken ins Schloss. Für ihn hätte es aber nicht lauter sein können. Es war Durchladen, Zielen und Schießen in einem. Eiskalt erwischt. Mitten durchs Herz. Die Tür schnappte hinter ihr mit einem leisen Klicken ins Schloss. Für ihn hätte es aber nicht lauter sein können. Es war Durchladen, Zielen und Schießen in einem. Eiskalt erwischt. Mitten durchs Herz.

Er blickte an sich herunter und erwartete Blut zu sehen. Ein großes Loch, dort wo einst sein Herz war. Aber nichts zu sehen. Mitten im geistigen Trümmerhaufen, der einst sein Leben war, begann er hemmungslos zu weinen.

Aus den Tränen wurde ein Schluchzen und irgendwann fehlte ihm selbst dafür die Kraft. Er war leer, ausgebrannt. Nur noch eine Hülle. Wie ein Insekt, das sich häutet, dessen Seele aber in der toten Haut zurückbleibt. Es war mittlerweile dunkel. Doch um das Licht anzuschalten fehlte ihm die Kraft.

Was war nur geschehen? Sie waren so lange zusammen, das er sich kaum noch an ein vorher erinnern konnte. Sicher, er war oft unterwegs gewesen, aber deswegen? Schließlich brachte sie sich auch in ihren Job ein. Es lieft doch alles so gut. Nur irgendwann begannen sie sich zu streiten. Erst wegen Sex – er wollte mehr, sie weniger. Okay, vielleicht nicht die feine englische, abends spät nach Hause zu kommen und gleich nach dem „Hallo“ nach Sex zu rufen. Aber, das gehört schließlich dazu. Und außerdem, wenn er die ganze Woche geschäftlich unterwegs war, blieb ihm außer wichsen ja gar nichts übrig. In letzter Zeit wurde es ja immer schlimmer, da sie auch regelmäßig geschäftlich ins Ausland musste – da sah man sich nicht viel. Und er war schließlich auch nur ein Mann. Zum Fremdgehen blieb ihm schließlich keine Zeit. Und für den Puff war er schon immer zu geizig.

Und sie? Sie hatte sich ja nie beschwert. Okay, klar, das man zu wenig Zeit füreinander hatte. Aber sonst? Es ist doch kein halbes Jahr her, da sprachen sie noch vom heiraten. Irgendwann einmal, aber immerhin haben sie davon gesprochen. Und von Kindern. Wenn Zeit da ist. Später.

Und dann wurde der Job richtig stressig. Zumindest für ihn. Entlassungen. Pleite. Viele gingen, er blieb. Auf einmal musste er die Arbeit von vier Ex-Kollegen machen. Der Stress war einfach gewaltig.

Schließlich wollte er weniger Sex. Die wenigen Male, die sie wollte, konnte er nicht mehr. Nichts half. Es war einfach psychologisch. Sie zeigte Verständnis für ihn. Schließlich stand er unter Druck. Sie zwar auch, aber das war wohl nicht so wichtig.

Er wurde immer genervter. Alles zuviel, die Arbeit, das Unvermögen, der Streit – da rutschte ihm die Hand aus. Nie, niemals würde er es vergessen. Sie stritten sich, sie hatte recht, er wusste es. Er wollte nicht, dieses eine mal wollte er nicht beigeben. Und ihm fehlten die Argumente, fehlten die Worte. Es gab für ihr nur noch eins – sie sollte ruhig sein, aufhören, ihn in Ruhe lassen, nicht weiter recht haben, er hatte versagt, versagt, versagt.

Dann schlug er zu. Eine Ohrfeige. Stark genug um sie taumeln zu lassen. Alles spielte sich dann wie in Zeitlupe ab. Ihr Gesicht, das zur Seite flog, ihr langes, kastanienbraunes Haar das einen weiten Bogen beschrieb. Sogar die Speicheltropfen die durch den Aufprall von ihren Lippen durch die Luft segelten und das Licht der untergehende Sonne spiegelten.

Der Abdruck seiner Hand auf ihrer Wange, schneeweiß auf rosiger Haut verfärbte sich langsam rot. Er konnte ihr sehen wie unter einem Vergrößerungsglas. Dann drehte sie ihm langsam ihr Gesicht zu und sah ihn an. In dem Blick war kein Vorwurf. Keine Anklage. Nur verstehen. Grausames verstehen. Noch schlimmer als ein Vorwurf, ein Streit, ein sich wehren. Wieviel hätte er gegeben wenn Sie zurückgeschlagen hätte. Auf ihn Eingeprügelt, so wie er es verdient hatte. Aber nichts, außer diesem Blick der Erkenntnis, des Verstehens.

Der Abendwind umwehte sein Gesicht als er auf seinem Balkon im fünften Stock stand. Er blickte hinunter auf die Straße, mit schmerzenden trockenen Augen.

Er wusste, das er nichts wiedergutmachen konnte. Niemand konnte ihm vergeben, nicht einmal er selbst. Es war passiert was niemals hätte passieren dürfen.

Als er das erste Bein über die Brüstung hob, wusste er, das es kein zurück für ihn mehr gab.

Als er sich nur noch mit den Fingerspitzen festhielt, wusste er, das er sich niemals wieder ins Gesicht sehen könnte.

Als er sich fallen ließ, fühlte er nichts als den Schmerz der ihn innerlich zerriss.

Als die Nacht ihn umfing, dachte er nur „Es tut mir leid.“

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