Engel der Nacht

Als die letzten Strahlen der untergehenden Sonne über die Stadt strichen, wurde es Zeit für Ihn seine Ruhe zu beenden. Solange das Licht auf die Stadt viel, war es nicht seine Stadt. Erst wenn das dunkle Tuch der Nacht sich über sie breitete, dann erwachte er, und folgte seiner Bestimmung. Es war eine einsame Bestimmung, eine für die er eine Ewigkeit benötigte sie zu finden. Aber jetzt kannte er sie. Er erhob sich von seinem Lager, das auf dem Boden in einer Ecke des kleinen Zimmers sich befand. Die Matte die ihm als Matratze diente rollte er zusammen und verstaute sie mit der dünnen Decke in einer Kiste. Dann wusch er sich das Gesicht und die Hände. Er duschte nie nach dem Aufstehen. Bevor er ins Bett ging allerdings immer. Das war oft nötig. Auch wenn nicht mehr in letzter Zeit so oft, aber die Gewohnheiten lassen sich schwer ändern. Er mochte es mit einem sauberen Geruch ins zu Bett gehen. Dann zog er sich an. Eine dünne Baumwollhose und ein dünnes enganliegendes Baumwollhemd, beide Schwarz. Darüber zog er die weiche Lederhose und das Lederhemd. Ein Gurt über die Brust und Rücken. Weiche knöchelhohe Stiefel. In den Gurt steckte er seine Ausrüstung. Jeden Gegenstand kontrollierte er sorgfältig. Vier Wurfmesser. Zwei Automatikpistolen, 9 Millimeter. Und sechs Magazine. Dann zog er die dünnen Lederhandschuhe und seinen langen Ledermantel an. Er trat aus der Tür uns liess sie ins Schloss fallen. Einen Schlüssel benötigte er nicht. Die Tür sah zwar aus, als ob sie mit einem Schlüssel zu schliessen war. Wer das allerdings versuchte hatte dannach keine Probleme mehr. Ausser er war gut isoliert und ausserdem kugelsicher. Das eigentliche Schloss befand sich gut versteckt in der Wand und bestand aus einem Irissensor mit einer Gesichtserkennung. Wenn der Irissensor aktiviert wurde und innerhalb von 30 Sekunden ihn nicht erkannte lief ein Zeitgesteuerter Mechanismus ab, der nur noch mit einem Codewort angehalten werden konnte. Wenn dieser Mechanismus durchlief wurde alles in der Wohnung zerstört, alle Daten gelöscht und die Person vor der Tür bekam einen Giftpfeil ins Auge geschossen. Vielleicht nicht elegant, aber effektiv.
Übertrieben? Nein, übertrieben war es, das hinter der Tür neben den vergifteten Fußangeln zwei Hochspannngsdrähte lagen, die nur mit dem neben den Eingang befindlichen Handabdruckscanner deaktiviert werden konnten. Und einer Pin. Innerhalb von 5 Sekunden nach eintreten. Ach ja, und die Tretmine unter den ersten Fußdielen. Die konnte man allerdings nicht deaktivieren. Sollte man auch wirklich dran denken wenn man eintritt...
Es hatte ihn ein Jahr gekostet das Zimmer auszustatten und die Fallen zu einzustellen das er sie nicht aus versehen auslöste. Aber das war es wert.
Er ging durch die Gassen und schenke den Passanten keine Beachtung. Es war nicht weit zur nächsten U-Bahnstation. Drei Stationen später war er am ersten Ziel des Abends. Eine ziemlich üble Gegend. Es war noch früh und er ging in eine der vielen Essensläden und bestellte sich einen Nudeltopf. Soba hiess das hier. Mit Tempura. Billig. Narhaft. Und die Läden in denen es das gab waren voll mit Leuten, die sich überhaupt nicht für andere interessierten. Angestellte die noch schnell was essen gingen, Computerfreaks, und andere die sich weder unterhalten wollten noch sich dafür interessierten wer sonst noch da war. In einer Stadt wie dieser nichts ungewöhnliches. Tokio war nicht bekannt für seine engen Nachbarschaftsbeziehungen. Hier wollte jeder irgendwas, aber kaum jemand wollte etwas von den Menschen die man auf der Strasse traf. Und in diesem Viertel erst recht nicht.
Am Nebentisch saß ein Typ, der seine Nudeln in sich reinschlang als ob er seit Wochen nichts zu Essen bekommen hätte. Und eigentlich sah er auch so aus. Völlig abgemagert. Die Augen waren blutunterlaufen und zuckten permanent im Raum umher ohne etwas zu sehen. Seine Hände zitterten. Der Typ hatte mehr faule Zähne als so mancher Gesunde im Mund hatte.
Es würde sich lohnen ihm zu folgen. Er ließ den Rest der Suppe stehen und folgte dem abgemagerten Typen als dieser ging. Es ging recht zielstrebig auf den dunkelsten Teil des Viertels zu. Dort, in einem Hausgang unterhielt sich der abgemagerte mit jemanden im Schatten. Dann lief er davon. Hatte wahrscheinlich was er wollte. Jetzt war seine Zeit gekommen. Er schlenderte am Hauseingang vorbei und beobachtete aus dem Augenwinkel den Typen der darin stand. Ein kleiner Fisch. Aber mit kleinen Fischen fing man große. Direkt hinter dem Hauseingang blieb er stehen, gut sichtbar für den Typen im Hauseingang, und zündete sich eine Zigarette an, schaute sich um als ob er sich fragte wo er war. Dann dreht er sich um und in einer einzigen fliessenden Bewegung erfasste er den Typen im Hauseingang am Hals und zwischen den Beinen, so dass dieser weder eine Ton herausbekam, noch sich bewegen konnte, weil seine Familienjuwelen so fest gequetscht wurden, dass ihm schon die Tränen in den Augen standen.
„Was bist du erbärmlich. Ich habe noch nicht mal angefangen und Du heulst schon?“ flüsterte er. In den Augen des festgehaltenen stand die nackte Panik. „Du überlegst Dir wahrscheinlich wer ich bin, und ich werde es Dir gerne sagen. Ich bin dein schlimmster Alptraum, so wie Du der Unzähliger bist. Du verkaufst den langsamen Tod und versprichst die Glückseligkeit, aber ich, ich verkaufe nichts, ich kaufe nichts, aber ich bekomme dennoch die Seelen derer die von der Qual anderer Leben, ich bin der Engel der Nacht.“
Das plötzliche Fehlen jeder Farbe im Gesicht des Anderen zeigte das seine Worte Wirkung getant hatte, und er wusste wer er war. Er selbst hatte nicht nur die Gerüchte gestreut, er hatte dafür gesorgt das jeder dieser Dealer wusste das dort auf der Strasse jemand unterwegs war, der sie suchte, und der sie fand. Der ihnen das zahlte was sie verdienten. Keiner der ihn gesehen hatte und wusste wer er war hatte lange genug überlebt davon zu berichten. Aber die die ihm nicht erzählten wo ihre Quelle saß, hatten ihn länger gesehen, viel länger als andere. Er wollte ihnen in die Augen schauen wenn er ihnen die Haut vom Leibe zog, die Finger bracht und sie Stück für Stück ihren Kunden ähnlicher machte und sie zu einem wimmerden Etwas verwandelte. So wie er damals seine Schwester fand, gepeinigt, geschändet, gebrochen, völlig am Ende hat sie ihn nicht wiedererkannt. Sie hing da schon viel zu lange an der Nadel und nahm alle Drogen die sie von ihrem Zuhälter bekam, nur bekam sie keine mehr, nachdem sie nicht mehr gut genug aussah für die Freier. Also lebte ihr Zuhälter seine sadistischen Züge an ihr aus. Er schlug sie, quälte sie und zerschnitt vor ihren Augen ihr frisch geborenes Kind. Das alles erzählte sie ihm bevor sie in seinen Armen starb. Was sie ihm nicht erzählte war, das ihr Zuhälter nicht irgendjemand war, sondern der Kopf der Yakuza, unangreifbar, nicht auffindbar, ein Mann ohne Gesicht. Und die einzige die sein Gesicht kannte, war tot.
Er schwor ihr noch an jeder Stelle, das er sie Rächen würde und es Ihren Peiniger heimzahlen würde, mit Zins und Zinsezins. Seit dem jagte er Dealer und jeden der dort mit drinhing. Die kleinen Fische waren nicht schwer zu finden. Aber die wußten kaum wer wirklich was zu sagen hatte. So kämpfte er sich nach und nach nach oben, nur um festzustellen das weit mehr Gruppen an diesem Geschäft verdienten als er gedacht hatte. Und viele hatte nach aussen rein gar nichts mit der Mafia zu tun. Er wusste es mittlerweile besser. So änderte er seine Pläne. Nicht mehr der einzelne Peiniger sollte seine Rache spüren, sondern er wollte sie alle, jeden Einzelnen von ihnen. Sie sollten bei dem Gedanken an ihn zittern, und nachts nicht ruhig schlafen können, weil sie in Angst vor ihm lebten. Er ging an die Basis und räucherte diese aus. Dealer die mit einem Messer im Rücken feststellten, das der letzte Kunde doch kein Junkie war. Dealer die ihren gesamten Wochenvorrat auf einmal zu sich nahmen, oft nicht ganz freiwillig. Den Junkies war es egal, aber ohne ihre Zulieferer wurden sie nervös und grasten die Stadt immer offensichtlicher nach Lieferanten ab. Aber die Lieferanten trauten sich nicht mehr auf die Straße. So wurde das Geschäft in die Clubs verlegt. Und er folgte ihm in die Clubs. Räume brannten. Drogen wurden ausgetauscht. Rattengift im Koks ist schlecht für den Ruf.
Dann erfuhr er vor einigen Wochen von einem großen Transport. Seine Arbeit hatte Wirkung gezeigt. Nicht nur das die Dealer kaum noch auf den Straßen waren, auch die Drogen wurden knapp. Die neue Lieferung sollte das Geschäft wieder ankurbeln. Dummerweise enthielt der Container mit der Drogenlieferung nur die Köpfe eines Dutzend Wachleute die bei dem Transport dabei waren. Die Drogen waren verschwunden. Sporadisch tauchten aus dubiosen Quellen kleinere Mengen auf, die genauso markiert waren wie diese Ware. Aber statt Drogen enthielten die meist Zucker oder Gift. Das kam bei der Kundschaft gar nicht gut an, denn die Drogen waren für die Zahlungskräftigen unter den Kunden bestimmt. Und die hatten halt auch Einfluß.
Das Chaos war perfekt, jeder mißtraute jedem und die Stimmung war extrem angeheizt. Es fehlte nur noch der entscheidene Funken in diesem Pulverfaß. Und das war sein Ziel heute Nacht, der Funke zu sein der ein für allemal diese Pest tilgte. Er hatte einen Plan...
„Ich will das Du eine Nachricht für mich überbringst. Ein Päckchen. Du musst natürlich nicht. Wenn Du nicht willst.“
Das Glimmen der Hoffung in den Augen dieses Dealers zeigte ihm das er ihn da hatte wo er ihn haben wollte. Er wusste noch nicht das er nur ein weiteres Bauernopfer war. Gibt den Menschen einen Tropfen Hoffnung und sie durchschwimmen das Meer für dich.
Für seine Schwester gab es keine Hoffnung mehr. Aber vielleicht gab es andere, für die es noch nicht zu spät war.
„Das ist der Deal: Ich gebe Dir dieses Päckchen, du bringst es dorthin wo Du deine Drogen herbekommst. Öffnest Du es, bist du Tot. Gibst Du es nicht ab, bist du Tot. Wenn Du leben willst tust Du was ich Dir sage.“
Stumm nickte sein Gegenüber, eine Spur zu schnell. Beiden war klar, das er das Paket nicht abgeben würde. Aber das machte nichts. Es war nicht dafür gedacht abgegeben zu werden. Es war alles Teil des Plans. Er liess das kleine, unscheinbare Päckchen in der Tasche des Mannes verschwinden. Ein letztes Mal drückte er dessen Hoden so fest, das er das Gefühl hatte einen Wackelpuding zwischen den Fingern zu zermatschen. Der Dealer fiel auf den Boden als er losliess und aus dem Hauseingang tratt und rasch weiterging.
Ein paar Strassen weiter betrat er eine Kneipe die er gut kannte. Vor allem wusste er, das es eine der wenigsten Lokalität hier war, die einen zusätzlichen Notausgang hatten. Er war gut versteckt, aber benutzbar. Er setzt sich auf einen Stuhl und bestellte ein Bier. In aller Ruhe trank er an seinem Bier. Bis jetzt war der Schatten der ihm den Abend folgte noch nicht hereingekommen. Das konnte nur bedeuten, das sein Plan funktioniert hatte. Der Schatten hatte gesehen wir er dem Dealer das Päckchen gab. Und der Schatten hatte die Drecksarbeit für ihn erledigt. Der Schatten würde auch dafür sorgen das sein Empfänger vom Inhalt erfuhr. Er bestand aus einem einzelnen Ring. Der Ring war nichts wirklich besonderes, große Diamenten gab es viele. Der Finger, an dem der Ring steckte war für sich genommen auch nichts besonderes. Die Person jedoch die den Finger mal trug hingegen war niemand anderes als die Tochter jenes mächtigen Bosses der Yakuza. Wenn der Kopf der Yakuza der Teufel war, so war sie seine Meisterschülerin. An Grausamkeit nicht übertroffen, Heimtücke war ihr Handwerk, Tod ihr Geschäft. Sie verkaufte ihn auf Raten, quälte und mordete wer ihr im Wege stand. Zu seinem Glück hielt sie sich für unverwundbar und zeigte sich im Gegensatz zu ihrem Vater ein bisschen zu offensichtlich in der Öffentlichkeit. Immer von einem Rudel Bodyguards umgeben. Aber wenn man durch die Clubs zieht und mit Bargeld um sich wirft, werden die Clubs voller, die Party lauter und irgendwann passt einer mal nicht auf. Jetzt lag sie gefesselt auf einer Liege in einem lange vergessenen Abstellraum tief unten in den Katakomben der U-Bahn von Tokyo. Das war das gute an dieser Stadt, sie glich einem Ameisenhaufen so sehr, das kaum jemand all die lange vergessenen Räume kannte. Er hatte eine stattliche Anzahl der Räume gefunden. Am Anfang tauschte er nur die Schlösser und wartete ob jemand sie aufbrach, weil sie doch noch verwendet wurden. Wenn nach ein paar Monaten nichts passierte tausche er die Tür gegen ein Einbruchssicheres Modell aus. Dann mauerte er ein Stück von dem Raum ab, so daß wenn Die Tür doch aufgebrochen werden sollte, der Raum so aussah wie vorher. Nur hinter der Mauer befand sich sein Material. Manchmal nur als Notvorrat. Manchmal auch so das er unauffällig drankam. Lebensmittel. Unterlagen. Waffen. In einem Land das so starke Waffengesetze hat, konnte man es sich nicht leisten diese zu horten wo man sie fand.
Nachdem er das Bier halb getrunken hatte, stand er leicht schwanken auf und wanke Richtung Toilette. Ein vertrauter Anblick in dieser Stadt, in dem zwar jeder Trank als ob es keinen Morgen gäbe, die meisten aber nicht sonderlich viel vertrugen. Neben der Toilette war eine Stahltür die wie er wusste nach draussen führe. Er ging durch die Tür und schloss sie leise hinter sich. Sie führte auf einen schmalen Weg der sich hinter den Häuserschluchten schlängelte. Ein beliebter Weg für Fußgänger die den kurzen Weg zum Banhof bevorzugten. Obwohl er niemanden sah, stellte er sich gut sichtbar an einen Baum und tat als ob er dagegen urinierte. Ein weiterer vertrauter Anblick in dieser Stadt. Die Strassen waren so sauber das man sich fragte ob sie stündlich gewischt würden, aber nachts konnte man regelmässig die Salary-man sehen die sich an einer Ecke erleichterten oder die Getränke des Abends wieder Revue passieren liessen.
Als er sicher war, das niemand ihn beobachtete machte er sich auf den Weg sein Päckchen wiederzufinden. Der Tragbare GPS-Empfänger der in seiner Tasche steckte war genau auf den Sender abgestimmt der in dem Päckchen war. Die Frequenz war verschlüsselt, und konnte nur äusserst aufwendig zurückverfolgt werden. 'Ein Hoch auf Electron-City' dachte er bei sich. Es gab genügend Freaks dort, die einem sowas zusammenbastelten wenn man Ihnen ein paar pornographische Mangas oder ein Video besorgte. Es übler das Video, desto mehr bekam man dafür. Zur Zeit waren Snuff-Videos besonders angesagt. Ein übles Geschäft. Aber der Zweck heiligt die Mittel. Einer der Typen die er vor einiger Zeit „besucht“ hatte, hat neben mit Drogen auch mit den Videos gehandelt. Er hatte den Eindruck gewonnen, das der Typ das eine oder andere auch selber produziert hatte, konnte das aber trotz intensiver Nachfrage nicht herausbekommen. Jedenfalls lagen jetzt eine ganze Reihe in einem der Räume und warteten darauf als Währung in diesem heiligen Krieg eingesetzt zu werden.
Das Signal auf dem kleinen Display wanderte. Das Päckchen war unterwegs. Und zwar ziemlich genau in die Richtung die er vermutet hatte. Raus aus dieser Ecke und in eines der noblen Viertel. Nach Ginza, wie er vermutete. Dort gab es die exklusiven Clubs. Die kein Schild an der Tür haben. Deren Namen nicht einmal hinter vorgehaltener Hand gesagt wird. Dort wo niemand niemanden kennt. Jeder Gast war hier unsichtbar. Und trotzdem wurden dort Millionen verschoben. Natürlich ohne etwas zu sagen. Die Japanische Art nichts zu sagen und genau damit alles gesagt zu haben. Die Unterhaltung war das feinste was man sich vorstellen konnte, kein Wunsch blieb unbefriedigt. Wirklich keiner. Durch die gleichen Türen kamen Politiker, Wirtschaftsbosse und Yakuzas. Wer in einen solchen Club wollte benötigte Einladungen von Mitgliedern. Und eine Unterstützung von mindestens drei weiteren Mitgliedern. Erst dann durfte man sich durchleuchten lassen. Die Finanzen und der private Hintergrund wurden genauso bewertet wir die Empfehlungen. Erst wer sich den Club leisten konnte und einen Vorteil für die Mitglieder brachte bekam eine Mitgliedschaft. Natürlich musste er diese Bezahlen. Alleine die Jahresgebühr hätte so manches Land der dritten Welt vor dem Verhungern bewahrt. Aber die Mitgliedschaft zahlte sich schnell genug aus. Probleme mit einer Genehmigung? Kein Problem. Mit einem Geschäftspartner? Nicht mehr lange. Mit der Frau weil sie die neue Freundin nicht mag? Auch das wird gerade gerückt. Kein Problem war zu groß, keines zu klein damit man dort nicht jemanden fand der sich seines annahm. Schnell und unkompliziert, aber alles andere als günstig. Dafür wurde natürlich das gleiche von einem auch erwartet – keine Leistung ohne Gegenleistung. Aber jeder gab gerne.
Er wusste das es einer der ganz exklusiven Clubs war. Er war so exklusiv, das niemand der Schergen die er befragte auch nur den Namen nennen konnte. Immerhin wusste er das er in Ginza war. Wenige Minuten später war er auch in Ginza und beobachtete den leuchtenden Punkt auf dem Display. Der Punkt hatte sich schon einige Minuten nicht mehr bewegt. Noch leuchtete er. Der Punkt war am Ziel. Oder es war eine Falle. Man sollte seinen Gegner niemals unterschätzen.
Vor dem Gebäude stand ein Lieferwagen und ein Maybach. Der Lieferwagen machte ihn skeptisch, der Maybach war überraschend. Nicht das es ungewöhnlich war, das solche Luxusautos in Ginza standen, es war nur ungewöhnlich wenn es sich hier tatsächlich um den Club handelte. Schliesslich wollten die Besucher üblicherweise nicht das man sie erkennte – auch nicht an ihrem Auto. Der Fahrer des Maybach stand neben dem Auto und rauchte. Das erklärte zumindest warum der Maybach so offensichtlich geparkt war. Nur ein Vollidiot oder einer dem es egal ist ob er erkannt wird würde so parken lassen. Und der Fahrer der vor dem Auto steht und raucht wäre bei einem Arbeitgeber der vertrauenswürde Personen braucht sofort gefeuert worden. So vor dem Auto war der Fahrer verwundbar, angreifbar und darüberhinaus hatte er sicherlich den Schlüssel des Fahrzeuges einstecken.
Er beschloss ein wenig Verwirrung zu stiften und ging auf den Fahrer zu als ob er die Strasse nur durchqueren wollte. Der Fahrer nahm keine Notig von ihm, erst als er an ihm vorbei war und ihm mit einer kleinen Nadel in seine Hand stach. Der Fahre wollte gerade ansetzen sich zu beschweren, da sackte er schon zusammen. Die Nadel war vorher in das Gift einer Seemusche getaucht worden. Von der Haut der Hand dauerte es zwar etwa eine Sekunde bis es wirkte, dann aber wie man es erwartete, nämlich sofort und tödlich. Die Fahrertür des Maybachs war noch nicht mal abgeschlossen. Was ein totaler Stümper. Er legte den Fahrer auf den Fahrersitz und stellte den Sitz leicht nach hinten, so als ob der Fahrer ein Nickerchen machte. Dann nahm er den Schlüssel und schloss das Fahrzeug ab. So würde es zumindest eine Zeit dauern bis jemand das Fahrzeug öffnen könnte. Eine kurze Inspektion des Lieferwagens zeigte ihm das dieser tatsächlich leer war und einfach nur abgestellt.
Er blickte wieder auf das Display seines Empfängers. Das Päckchen hatte sich nicht bewegt. Zeit für Teil zwei. Durch einen Druck auf eine Taste an seinem Empfänger wurde im Packet eine Reaktion ausgelöst. Bei dieser wurden zwei Chemikalien gemischt und eine dritte in die Umgebung abgegeben. Die ersten bilden direkt nach dem zusammentreffen einen hochpotenten und bewegungsempfindlichen Sprengstoff. Er reicht sicher nicht, das Gebäude abzureissen, aber wer in unmittelbarer Nähe stand wird es nicht überleben. Die Dritte Substanz hingegen ist weniger zimperlich und besteht aus einem starken Nervengas was gleichzeitig bestialisch riecht. Es wäre einfach gewesen ein geruchstfreies zu verwenden. Aber er wollte eine Reaktion.
Nach zehn Minuten war immer noch nicht passiert. Entweder war niemand in dem Raum oder es waren alle Tot. Niemand kam aus dem Haus.
Nach weiteren zehn Minuten beschloss er hineinzugehen. Durch den Druck auf einige der Klingeln reagierte einer der Nachbarn und liess ihn herein. Es war nichts ungewöhnliches das die Leute an der falschen Klingel klingelten und Gegensprechanlagen gab es hier nicht. Lauf seinem Empfänger war das Paket im achten Stock. Er nahm die Treppe um vor Überraschungen sicher zu sein. Zu seiner Verwunderung waren noch nicht einmal Überwachungskameras im Treppenhaus. Es hatte ein seltsames Gefühl bei der Sache. War sein Plan nicht aufgegangen? Lag das Paket vielleicht doch bei dem Dealer zu Hause? Aber wie konnte sich der Typ eine Wohnung in Ginza erlauben?
Im Achten Stock stand er vor einer unscheinbaren Tür. Sah nicht unbedingt wie der Eingang zu einem sagenumwobenen Club aus. Er klopfte weil er keine Klingel fand. Niemand öffnete. Dann entschloss er sich alles auf eine Karte zu setzen. Er zog sich die kleine Gasmaske auf, die ihn vor dem Nervengas schützen sollte und trat die Tür ein.
Die erste Leiche lag direkt hinter der Tür. Eine Frau. Von der Kleidung her – sofern man bei dem wenigen was sie anhatte von Kleidung sprechen konnte – eine der „Servicedamen“. Auch wenn sie nicht durch das Nervengas gestorben war. Die Blutlache unter ihr und das Einschussloch im Hinterkopf deuteten mehr auf eine Bleivergiftung.
Er stand in einem kleinen Flur der in zwei Räume führte. Der erste Raum war leer. Im zweiten Raum waren mehr Menschen. Sie lagen auf dem Boden oder saßen auf der Couch. Auch hier war eine Menge Blut. Die Wände waren übersäht mit Einschusslöchern. Bei dem Anblick wurde ihm Schlecht, obwohl er selbst gerade ein Massaker anrichten wollte. Seine Entscheidung für das Nervengas war nicht nur aus Effizienzgründen sondern auch aus dem Grund getroffen worden, das es schnell gehen sollte. Das Gemetzel ging hier für die meisten wohl auch schnell, das zeigten die Positionen in denen die Personen saßen und lagen. Kaum jemand hatte Zeit zu fliehen. In der Mitte des Raumes saß an einen Stuhl gefesselt ein einzelner Mann. Es war der Dealer aus dem Hauseingang. Für den ging es nicht schnell. Vor ihm lagen in einer Reihe einzelne Stücke seiner Gliedmaßen. Die Reste der Gliedmaßen die noch an seinem Körper hingen waren sauber abgebunden. Hier ging es nicht darum ihn zu töten sondern im Gegenteil möglichst lange am Leben zu erhalten. Er war nicht geknebelt, wurde also wahrscheinlich verhört. Der Folterknecht lag direkt daneben, auch der mit einem Einschussloch im Kopf.
Die Angreifer müssen in dem Raum gewesen sein, es war kein Fenster zerbrochen. Und es mussten mehrere Gewesen sein, dazu war es zu schnell. Vorsichtig trat er durch den Raum zu der Tür am Ende des Zimmers und schaute hinein. Hinter der Tür war nur ein kleines Klo, das leer war.
Sein Päckchen lag unausgepackt auf dem Tisch, direkt vor einem Mann der wichtig aussah. Er war saß in der Mitte und hatte mehr Gold an den Fingern als ein Juwelier in der Auslage. Ausserdem hatte er zu dem Einschußloch auf der Stirn einen Holzpflock in der Brust. Als wollte man einen Vampir töten. Was auch immer in diesem Raum passiert war, es hatte wenig mit ihm oder seiner Racheaktion zu tun. Seine Botschaft war angekommen, aber zu spät. Stattdessen hatte jemand anderes Rache geübt.
Als er durch den Raum schlich und sich die einzelnen Leichen anschaute erkannte er eine Reihe von Persönlichkeiten. Zwei Wirtschaftsbosse großer Firmen – so groß und mächtig das man sich kaum Vorstellen konnte sie in so einem kleinen Raum zu finden, oder das sie diese Machtfülle auf legale Weise erhalten hatten. Einen weiteren Yakuza-Boss. Kein Topboss, aber nichtsdestotrotz wichtig. Im wurde nachgesagt das er für die Verbindungen zu Politik zuständig sei. Die letzte männliche Leiche war eine Überraschung. Es handelte sich um niemanden anderes als den Vizepräsidenten. Es war nicht überraschend das ein Politiker anwesend war. Es war überraschend das er dumm genug war sich in die Höhle des Löwen zu bewegen.
Die anderen Leichen im Raum waren die von Frauen, eine noch ein Kind und auch ein Knabe war dabei. Es war wohl so etwas wie eine Orgie geplant gewesen. Als letztes ging er zu der Leiche mit dem Pfahl in der Brust. Er durchsuchte die Taschen und fand natürlich keinen Ausweis – so etwas brauchte man in der Position nicht mehr – aber immerhin ein Mobiltelefon. Der letzte Anruf kam vor einer Stunde, kurz nachdem er die Kneipe durch den Hinterausgang verlassen hatte. Er rief die Nummer an, doch niemand hob ab. Die Leiche war noch war und die Leichenstarre hatte noch nicht eingesetzt. Es war also nicht lange her das das hier stattgefunden hatte. Entweder sind die Angreifer kurz vor ihm gegangen oder sie waren noch da.
Das Klingeln des Mobiltelefons in seiner Hand liess ihn zusammenzucken. Er starrte gebannt auf das Display, als er die Nummer erkannte die er soeben gewählt hatte. Nach dem zehnten Klingeln nahm er ab ohne etwas zu sagen.
„Gefunden was Du gesucht hast?“
Er antwortete nicht darauf. Wenn derjenige am anderen Ende der Leitung wusste wer er war wusste er auch wie es hier aussah.
„Ich habe Dir ein Geschenk gemacht, Engel. Du und ich, wir waren auf dem selben Weg. Dein Versuch mit dem Paket war nett, aber sie hätten die Bombe gefunden. Deshalb habe ich es ausgetauscht.
Der Mann mit dem Pflock ist übrigens Kenichi Sakura, auch genannt der Vampir. Er liebt es das Blut von Jungfrauen, vor allem männlichen zu trinken. Ich glaube nicht das du mehr wissen willst.“
Langsam wurde ihm klar, das er nicht der einzige war der Rache wollte. Es war ihm jemand zuvor gekommen. Jemand der ihm überlegen war und der seinen Job weit besser machte. Das einzige was er fragen konnte war
„Warum?“
„Warum? Ich war ein Vertrauter des Vampirs. Ich brachte ihm sogar die Knaben. Eines Tages machte ich einen Fehler. Dann verlangte er nach meinem Sohn. Ich brachte ihm meinen Sohn und hoffte das er Gnade zeigen würde wenn ich Loyalität zeigte. Leider hatte ich mich geirrt.“
Das Schweigen in der Leitung zog sich in die Länge und er dachte schon der Anrufer hätte aufgelegt. Dann sprach der Anrufer wieder.
„Du fragst Dich sicher warum ich dir das Erzähle. Geh hinter die Bar und schaue in den Kühlschrank im untersten Fach.“
Er ging vorsichtig um die Bar herum und hielt nach Fallen Ausschau, fand aber keine. Im Kühlschrank im untersten Fach entdeckte er ein paar Photos. Photos mit einer Person die er zu gut kannte. Die Bilder waren von seiner Schwester. Aus besseren Tagen. Als sie noch gesund war. Sie hatten damals keinen Kontakt, sie hatte ihm nie erzählt das sie ein zweites Kind hatte. Sie sah glücklich aus auf dem Photo. Einen Jungen im Arm. In einem Park während der Kirschblüte. Die Bilder verschwammen vor seinen Augen und fühlten sich feucht an. Erst jetzt merkte er das ihm die Tränen aus den Augen rannen und auf die Bilder tropften. Es waren vier, fünf Bilder alle von seiner glücklichen Schwestern mit ihrem Sohn.
Das Geräusch das er hörte als hinter ihm die gut versteckte Tür in der Barwand aufging bedeutete nichts mehr für ihn.
„Es tut mir leid“ sagte die Stimme hinter ihm und die Kugel die in seinen Schädel eindrang war eine Erlösung und er viel in die ewige Nacht.
Die Person die aus dem Dunkel trat war klein und schlank. Zarte Hände hielten eine Automatik 9mm mit Schalldämpfer. Der Blick der Person fiel in die Kammer hinter der Bar. Dort stand ein kleiner Tisch, zwei Stühle und ein paar Kartons. In den Kartons war C4-Plastiksprengstoff – effektiv, leicht und gut transportierbar. Auf dem Tisch stand eine Kiste mit einem Schraubdeckel. In dieser Kiste war unsichtbar ein Paket mit einem kleinen GPS Sender und drei Chemikalien. Die Vorrichtung hatte nicht versagt, das Paket war einfach nicht da wo es sein sollte. Die Kiste war gasdicht, daher ist das Nervengas nicht ausgetreten. Aber die Bombe war scharf. An dem Tisch fehlte ein Bein und war durch einen Holzscheit gestützt, an dem eine Schnur befestigt war, die die Person in der Hand hielt.
Die Person schaute sich im Raum um, bis ihr Gesicht sich im Spiegel der Bar zeigte. Es war ein altes, abgelebtes Gesicht voller Narben.
„Verzeih mir Bruder.“
Das überhaupt noch Leben in ihm war verdankte es der modernen Medizin und der Unfähigkeit ihres Bruders ein Koma vom Tod zu unterscheiden. Ihre Rache war vollbracht, es fehlte nur das letzte Teil.
Sieh sah sich ein letztes Mal im Raum um, ein zufriedenes Lächeln bereitete sich in ihrem Gesicht aus und sie zog mit einem Ruck an der Schnur. Der Tisch hinter hier fiel in Zeitlupe zur Seite und die Kiste darauf schlug auf den Boden auf. Der Sprengsatz in dem Paket explodierte und entzündete das C4 so schnell, das sie noch vor der Feuerwand der ersten Explosion von der Druckwelle der zweiten durch den Raum geschleudert wurde. Und die Flammen verbrannten was übrig war vom Engel der Nacht, seiner Schwester und all dem Leid was beide durchstanden hatten und ihre Seelen stiegen in einem Leuchten dem Himmel entgegen...

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