Der Paketbote

Heute ist der Tag. Genau vor zwanzig Jahren. Da ist es passiert. An einem Freitag. Ich weiss es noch als ob es gestern wäre. Wie könnte ich es vergessen. Eingebrannt, ausgebrannt. Seit dem bin ich kaum in der Lage an etwas anderes zu denken. Jede einzelne Minute meines Lebens denke ich daran. Und dabei schien es so einfach zu sein. So leicht. Simpel. Geradezu elegant. Aber fangen wir vorne an... Freitag morgen. Der Wecker klingelt. Wie immer viel zu früh. Mir kommt es vor als ob ich nicht geschlafen hätte. Zeit ist ein einzige Lüge. Aber die Entscheidung war gefällt. Ich muss es durchziehen.
Ein schwarzer Kaffee ist alles was ich mir gönne. Und natürlcih eine Zigarette. Wie immer ist die erste am Tage die schlimmste. Dannach geht’s. Wenn die Lunge sich wieder an den Qualm gewöhnt hat. Heute waren keine Brocken beim Husten dabei. Naja, Ausnahmen bestätigen die Regel. Nach diesem Päckchen höre ich auch auf. Bis ich einen Automaten finde...
Das Päckchen kam gestern. Mit der Post. Ist am unauffälligstem. Die wird fast nie kontrolliert. War sowieso nur eine Speicherkarte drinnen.
Nachdem ich mein Terminal vom Netz getrennt habe, stecke ich die Karte in den Rechner. Mit meinem Passwort werden die Daten freigeschaltet. Eine Adresse. Sonst nichts. Was hatte ich auch erwartet? Grüße? Egal.
Die U-Bahn bringt mich dorthin. Ich bin viermal umgestiegen. Nur um sicherzugehen. Immer andere Leute in der Bahn. Das heisst aber nichts. Heute ist der Tag...
An der Tür ist nur ein einziges Schild. Ein nichtssagender Name. Ich klingel. Nichts passiert. Nach dem zweiten oder dritten Klingeln wird der Türöffner betätigt. Ich gehe hinein. Im Flur steht ein Tisch. Mit einem neuen Päckchen. Steht mein Name drauf. Ich nehme es mit ohne reinzuschauen der zu schauen ob jemand in der Wohnung ist. Wäre auch egal. Im Zweifelsfall hätte der eh keine Ahnung was im Päcken ist.
Ein paar Strassen weiter ist ein Park. Dort mache ich unter einer Platane das Paket auf. Obendrauf liegt ein Brief. Wieder nur eine Adresse. Darunter etwas was ich brauche. Ich stecke es ein.
Eine Stunde stehe ich vor der Adresse. In meinem Hinterkopf ein seltsames Gefühl. Ich verdränge es. Zu spät, die Entscheidung ist gefällt. Ich werde es durchziehen. Heute. Jetzt.
Kalt und schwer wiegt der Inhalt in meiner Tasche. Für Zweifel ist keine Zeit. Für Umkehr ist es zu spät. Es interessiert mich nicht wer oder was. Nur die Adresse zählt. Und der Inhalt in meiner Tasche. Ich versuche mich zu konzentrieren. Nur eine Chance. Kein Zurück.
Eine letzte Zigarette. Ein letzter Zug. Kostbare Sekunden verrinnen, Zeit ist nichts als die Länge der Glut, die als Asche auf den Boden fällt. Den Filter stecke ich ein. Es ist Zeit.
Mit jedem Schritt auf die Tür werden meine Füsse schwerer. Jeder Schritt wiegt eine Tonne. Doch am Ende stehe ich vor der Tür. Sie kommt mir bekannt vor. Irrelevant. Nur das Ziel zählt. Ich drücke die Klingel. Einmal, zweimal, dreimal. Endlich wird geöffnet. Ein dunkler Hausflur. Langsam gehe ich die Treppe hoch. Das Parkett knarzt unter meinen Füssen. Doch ich gehe weiter. Bis ich vor der richtigen Tür stehe. Sie steht einen Spalt weit offen. Als ob ich erwartet würde. Wahrscheinlich ist es so. Irgendwie warten sie immer. Manche wollen reden. Andere handeln. Doch dafür bin ich nicht da. Das ist nicht meine Aufgabe. Dafür ist es eh zu spät, wenn ich komme.
In der Wohnung ist es dunkel. Aus dem Wohnzimmer das flackern eines Fernseher. Warum sehen sie immer fern? Ich kann fernsehen nicht ausstehen. Immer das gleiche. Und alle wollen nur was verkaufen. Dinge. Menschen. Sex. Drogen. Jeder Mensch will etwas. Fast alles kann man kaufen. Für alles andere gibt es mich.
Als ich den Raum betrete sehe ich sie. Mit einem Glas in der Hand. Sie starrt auf den Fernseher. Ich schaue nicht hin, das lenkt nur ab. Sie tut als wäre ich nicht da. Meistens tun sie überrascht. Doch ich bin niemals eine Überraschung. Nicht wenn man genau darüber nachdenkt.
Ich nehme das Ding aus meiner Tasche. Schwer und kalt. Sie schaut mich kurz an. Verstehen in den Augen. Und etwas was ich nicht deuten kann. Trauer? Verzweiflung? Hoffnung?
Wo ich bin gibt es keine Hoffnung. Ich bin das Ende des Weges, und der Anfang. Der Teil den man vielleicht verdrängen kann, aber der immer da ist. Und heute bin ich sehr real. Ich stehe in dem Zimmer und schaue mich um. Bücher soweit das Auge reicht. Nicht wahllos, sondern Bücher mit Tiefe. Ich sehe verschiedene Sprachen. Bücher alter als ich, Älter als diese Stadt, älter als das Land in dem wir sind. Und Bücher so neu, als wären sie gerade aus der Druckerei gekommen.
Eines davon liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Ich drehe es zu mir und schaue es mir an. Irgendeine Geschichte, mit irgendwelchen Namen. Es scheint mittendrin aufzuhören. Irgendwie... unfertig. Als ob da noch ein Kapitel fehlt. Auch das ist nicht meine Sache.
Sie schaut mich fragend an. Wieder dieser Ausdruck in Ihren Augen. Frauen sind einfacher. Meisten finden sie sich ab. Mit der Realität. Viel Realer als ich werden die Dinge meistens nicht. Eigentlich bin ich die Realität. Sie schaut auf den Tisch. Erst jetzt bemerke ich das zweite Glas. Gut gefüllt. Als ob sie auf einen Gast gewartet hätte. Als ob sie auf mich gewartet hätte. Kommt nicht so oft vor. Manche versuchen es damit einfacher zu machen. Leichter wird aber nie. Nicht für sie, nicht für mich.
Und heute....
Das Ding in meiner Hand scheint eine Tonne zu wiegen. Wieder schaue ich in ihr Gesicht. Eine Erinnerung durchhuscht mich. Ich lege das Ding auf den Tisch. Es liegt zwischen uns wie eine Mauer. Kalt starrt es uns an. Wie ein Vorwurf. Wie ein letztes Wort. Das Schweigen zwischen uns scheint von dem Ding verstärkt zu werden und lässt alle Geräusche zu einem Gemurmel werden. Es gibt nur noch sie, mich und das Ding.
Und dann tut sie etwas das ich nicht erwartet habe. Sie lächelt mich an. All die Erinnerungen sind plötzlich wieder da. Mit aller Macht. Als wäre eine Tür geöffnet, und ein Wasserfall der Gefühle durchdringt mich. Eine Sturmflut, ein Tsunami, ein Sturm. Hilflos schaue ich sie an. Ich kann den Blick nicht von ihr abwenden. Und dem Lächeln das mich umfängt, das mich durchdringt, das meine Seele raubt.
Dann bin ich alleine. Nur ich und das Ding und ich sind noch im Raum. Und die Hülle die sie einst war. Ich schalte den Fernseher aus auf meinem Weg zurück. Draussen emfängt mich die Kalte Luft. Am nächsten Automaten ziehe ich mir ein neues Päckchen Zigaretten. Die erste brennt wir Feuer in meiner Lunge. Der Rauch in meinen Augen ist höllisch. Ich weiss nicht was passiert ist. Ich weiss nur was ihr Blick bedeutete. Es war Mitleid. Nicht Selbstmitleid, sondern Mitleid mit mir. Weil ich das Ende bin. Und der Anfang. Für Heute. Für Immer.
Morgen wir ein neues Päckchen in der Post sein. Eine neue Adresse. Ein neuer Auftrag. Aber nichts wird so sein wie dieser.
Vor zwanzig Jahren war ich dort. Vor zwanzig Jahren ging sie fort. Und nahm einen Teil von mir mit. Ein Teil von dem ich nicht mehr wusste das ich ihn hatte. Einen Teil von dem ich nun weiss das er mir für immer fehlen wird. Nichts war mehr wie es war. Nichts wird jemals so sein. Die Tür, die mir immer offen stand ist geschlossen. Es gibt kein Zurück mehr. Ich lebe nur noch für meine Aufgabe. Meine Auftraggeber? Ich habe sie nie gesehen. Immer nur ein Päckchen. In jedem Päcken eine Adresse. An der Adresse ein anderes Päckchen. Dort ist mein Ziel. Dort ist das, was ich tun muss.
Ich bin das Ende. Ich bin der Anfang. Meine Zeit läuft, doch wo ich bin hört sie für jemanden auf. Seit dem Tag, diesem Freitag ist nichts mehr wie früher. Alte, junge, Männer, Frauen. Sie alle finden mich, wenn sie mich suchen. Ich frage nicht nach dem Warum. Nicht nach dem Wie. Ich habe keine Wahl. Und doch an diesem einen Tag hätte ich mich entscheiden können. Ein anderer Weg. Ein anderer Ausgang. Ein anderes Mal.
Doch dieser Teil ist für immer von mir gegangen. Nicht sie liess ihre Hülle zurück. Meine Hülle war es die den Ort verliess. Und sie nahm mich mit, in eine andere Welt, an eine Ort an den ich ihr nicht folgen kann. Bis eines Tages das Ding zwischen mir und einem Unbekannten steht. Und dann werde ich ihn anlächeln wie sie mich angelächelt hat...

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